Sonntag, 28. Februar 2016

[Rezension] Schlump (Hans Herbert Grimm)

"Schlump" war ein zufälliger Glücksgriff für mich, fiel mir das Buch doch eines Tages in der Buchhandlung in die Hände, ohne dass ich zuvor etwas davon gehört hatte. Das dürfte nicht nur mir so gegangen sein, denn "Schlump" war ein schon zu seiner Erstveröffentlichung 1928 nur wenig beachtetes Buch, das später auf dem Index der Nationalsozialisten landen und darauf in der Vergessenheit verschwinden sollte, bis er vor Kurzem endlich neu aufgelegt wurde und nun hoffentlich die Anerkennung erfährt, die ihm gebührt.


Der volle Titel des Romans, der von Grimm aus Angst vor Repressionen unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde, lautet "Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt 'Schlump', von ihm selbst erzählt" und erinnert mit seiner barocken Länge sicher nicht zufällig an den zungenbrecherischen Originaltitel von Grimmelshausens "Simplicissimus". Die Parallelen gehen weit über den Namen hinaus: Beide Romane werfen ihren einfach gestrickten Protagonisten in die Hölle eines wahnsinnigen Krieges, und wie auch den "Simplicissimus" könnte man "Schlump" durchaus als Schelmenroman bezeichnen.

Wir schreiben das Jahr 1917, der Große Krieg hätte schon längst gewonnen sein sollen, aber er dauert weiter an, und so meldet sich Emil Schulz, von allen nur Schlump genannt, freiwillig bei der Infanterie. Vom großen Sterben weiß er nichts oder will es nicht wissen, wie viele junge Männer dieser Zeit denkt er nur daran, was für Abenteuer er im Krieg erleben wird. Der recht einfach veranlagte Siebzehnjährige hat ein helles und freundliches Gemüt, das sich durch nichts erschüttern lässt. Immer wieder macht er neue Bekanntschaften und stolpert im verlauf seiner Abenteuer von einer Liebesbeziehung zur nächsten.
Zunächst hat Schlump noch Glück, nach der Grundausbildung landet er dank seiner bescheidenen, aber immerhin vorhandenen Französischkenntnisse in einem kleinen besetzten Dörfchen in Frankreich und verlebt eine gar nicht schlechte Zeit als Verwalter der braven Leute dort. Während sich ein paar Kilometer weiter Deutsche und Franzosen gegenseitig abschlachten, ist in Schlumps heiler Welt nichts von Angst oder Hass zu ahnen. Er hilft französischen Buben, denen beim Ritterspielen der Nachttopf auf dem Kopf stecken geblieben ist, und wird im Gegenzug von den Dörflern verehrt und hofiert. Kein Wunder, dass das Buch später auf den Scheiterhaufen der Nazis landen sollte, zeigt Grimm hier doch, dass die vermeintlichen Erzfeinde trotz aller Propaganda am Ende immer noch Menschen sind, dass der Hass auf den Nachbarn keine natürliche Gegebenheit, sondern bloß ein politisches Konstrukt ist.
Aber Schlumps Idylle hält nicht an. Auch für ihn kommt der Tag, an dem er an die Front versetzt wird, und nun ändert sich der Ton des Romans. Je weiter Schlump in die Kämpfe einbezogen wird, umso drastischer wird auch die Schilderung der Gräuel, die an der Front geschehen. Von Granaten zerfetzte Kameraden, Soldaten, die elendig an Bauchschüssen zugrunde gehen oder langsam und qualvoll im Stacheldraht verenden. Und da bekommt selbst Schlumps sonniges Gemüt - zumindest kurzzeitig - Risse: "Er sah plötzlich alles mit anderen Augen [...] und war zum ersten Mal in seinem Leben unglücklich." Auch wenn Schlump sein heiteres Wesen gleich wiederfindet, ist hier doch ein Bruch zu erkennen, der dem Leser vor Augen führt, dass selbst dieser unschuldige Schelm nicht von den Schrecken des verrückten Krieges um ihn herum kalt gelassen werden kann. Schlumps heiteres Gemüt stellt so keine Verharmlosung des Krieges dar, sondern vielmehr einen Appell, auch in dieser menschenverachtenden Zeit kein Unmensch zu werden.
Grimm schildert das Geschehen in einer wunderbaren, fast märchenhaften und stets bürgerlichen Sprache, die einen direkt ans Geschehen dort an der Front versetzt, wo die einfachen Männer kämpfen und sterben, ob ihrer Märchenhaftigkeit aber seltsam entrückt wirkt vom gräulichen Morden und Sterben. Wenn die "Bumsköppe" ihre Artilleriegranaten abfeuern oder die Soldaten beim Proviant "mausen" gehen, meint der Leser den Alltag im Schützengraben aus erster Hand zu erleben, wie ihn der bodenständige Schlump in seiner rustikalen Einfachheit wahrnimmt.

Eine komplette Interpretation dieses wunderbaren Werkes würde an dieser Stelle zu weit führen, eine solche findet sich aber im sehr ausführlichen Nachwort von Volker Weidermann in der mit Originalumschlag und Illustrationen ausgestatteten Wiederauflage dieses Romans, der meiner Meinung nach zu den ganz Großen der Weltkriegsliteratur gehört und sich nicht vor dem anderen Titeln wie dem zeitgleich erschienenen "Im Westen nichts Neues" verstecken braucht, da Grimm in seinem kleinen Buch gnadenlos mit dem Irrsinn des Krieges und dem Militarismus dieser Zeit abrechnet, und das nicht nur vorne an der Front, sondern auch hinten bei den Zivilisten. Das macht den "Schlump" zu einem unbedingt lesenswerten Antikriegsroman, der seinen Weg hoffentlich sogar in die Schullektüre finden mag. Daher von mir 5 Punkte und eine absolute Leseempfehlung!




Titel: Schlump
Autor: Hans Herbert Grimm
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (2015)
Format: Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-462-04842-1
Preis: €9,99
Link zum Verlag: http://www.kiwi-verlag.de/buch/schlump/978-3-462-04842-1/

Kommentare:

  1. Hey Patrick,

    sehr schön geschrieben, auch wenn ich aktuell eher zur leichten Literatur greife (ja, kein gutes Vorbild als angehende Journalistin. Aber ich will ja auch nicht ins Feuilleton). Ich wünsch dir noch nen schönen Restsonntag. Zugegeben, es sind nur noch 2,5 Stunden ;)

    LG
    Sonja

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    1. Hallo Sonja,
      also auch wenn du gerade zu "leichter" Literatur tendierst, kann ich dir das Buch empfehlen, es liest sich wirklich schön und ist auch sehr witzig geschrieben, trotz des ernsten Hintergrundes. Und besonders lang ist es auch nicht, dafür hält es umso mehr zum darüber nachdenken bereit, sofern man das möchte :)

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