Samstag, 20. Februar 2016

[Rezension] Amalthea (Neal Stephenson)

Und schon wieder ein ziemlich dicker Wälzer. "Ein gewaltiges Werk um Auslöschung und Überleben" betitelt der Klappentext das neue Buch von Neal Stephenson, das inzwischen auch in der deutschen Übersetzung vorliegt. Und das ist wirklich nicht zu viel versprochen, behandelt der Roman doch nicht nur die Zerstörung des Mondes, sondern auch die (Beinahe-) Vernichtung der menschlichen Rasse ...


Mit Amalthea knüpft Stephenson, bewusst oder unbewusst, mit an den Erfolg von Weirs "Marsianer" an, denn beide behandeln das selbe Thema (Überleben im Weltraum) und bedienen sich desselben Stilmittels: technisch hochfundierte, gut recherchierte und glaubwürdige Beschreibung der Umstände, wie dieses Überleben in lebensfeindlicher Umgebung gesichert werden kann. Im Gegensatz zu Weir, der ja ein recht vorstellbares Szenario beschreibt, bewegt sich Stephenson aber eher im fiktiven Bereich (und verzichtet gänzlich auf Weirs zynischen Humor). Prämisse seiner Erzählung ist der Umstand, dass der Mond von heute auf morgen aufhört, so zu existieren, wie wir ihn seit Jahrtausenden kennen: Eines Tages in nicht näher genannter Zukunft, die aber lediglich ein paar Jahre entfernt sein kann, durchschlägt ein mysteriöses Geschoss (fortan "Agens" genannt) den Erdtrabanten und zerschlägt ihn in mehrere Teile. Schnell finden die Forscher auf der Erde heraus, dass die Bruchstücke immer weiter kollidieren und später unweigerlich auf der Erde landen werden, wo sie alles Leben auslöschen könnten. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, um so viele Menschen und Material wie möglich in den Weltraum zu befördern, um den Erhalt der menschlichen Rasse zu sichern.

Das Buch lässt sich grob in drei Teile gliedern: die Zeit, bevor der Mond auf die Erde stürzt, den Überlebenskampf der letzten überlebenden Menschen im All und die Rückkehr ihrer Nachfahren auf die Erde 5.000 Jahre später. Die ersten beiden Teile sind sehr spannend geschrieben und lassen den Leser mit den Menschen mitfiebern, die alles daran setzen, zumindest einer kleinen Gruppe das Überleben im Weltraum zu ermöglichen. Besonders gut gefallen hat mir die technische Detailverliebtheit, denn Stephenson beschreibt sehr genau diverse Phänomene der Astrophysik und -dynamik, wenn es um Flugrouten von Raketen oder Asteroiden geht, und er kennt sich offensichtlich auch sehr gut mit den technischen Eigenheiten der bemannten Raumfahrt aus, so dass das allermeiste sehr glaubwürdig und logisch erscheint. Wer allerdings kein Interesse an solchen technischen Details hat, der wird sicher keinen Gefallen an diesem Buch haben.

Die große Schwäche von Stephenson sind Dialoge und Handlungen. Denn die verkommen neben seinen weitschweifenden Erklärungen oft zu zerfaserten Erzählfetzen. Gerade im letzten Teil des Buches, wenn Stephenson die neue entstandene Gesellschaft beschreibt, trägt ihn seine Detailverliebtheit davon, denn nahezu nach jedem Satz, den seine Protagonisten sprechen, erklärt er erst einmal langatmig alle Dinge und Umstände, auf die sich die Charaktere beziehen, so dass alles sehr zerstückelt wirkt und die Handlung sehr ausgebremst wird. Das fällt gerade bei der Beschreibung eines Kampfes auf, der eigentlich nur wenige Minuten dauert, sich aber über etliche Seiten erstreckt, weil Stephenson stets alle Waffen, Taktiken und Hintergründe beschreibt. Auf der einen Seite ist es bewundernswert, was für eine detaillierte Welt Stephenson hier für die überlebenden Menschen erschaffen hat, mit all den Einzelheiten über die neuen Gesellschaftsformen und die technischen Wunder, auf der anderen ist das einfach zu viel Information, die in das letzte Drittel des Buches gequetscht wurde und mit einem sehr kurzen Handlungsstrang zu viel zu erzählen versucht. Entsprechend nimmt auch die Spannungskurve nach der Mitte des Buches stark ab, was sehr schade ist, denn bis dahin hat mir das Werk sehr gut gefallen. Doch nachdem die Menschheit erst mal gerettet ist, geht einfach die Luft aus, die Spannungskurve wird quasi wieder auf null gesetzt, wenn es mit der Gesellschaft 5.000 Jahre später weiter geht, und die Story kommt dann einfach nicht mehr richtig in Fahrt. Hier wäre vielleicht wirklich noch ein zweites Buch sinnvoll gewesen, vielleicht hätte sich sogar eine Trilogie angeboten, ein eigenes Buch für jeden größeren Teil von "Amalthea".

So aber fesselt das Buch zwar über knapp die erste Hälfte bis zu zwei Dritteln, danach zieht es sich aber leider ziemlich in die Länge und verliert deutlich an Fahrt. Für den ersten Teil hätte ich eigentlich 4 Punkte gegeben, für den Rest dann aber nur noch 3, so dass es am Ende 3,5 Punkte werden. Für alle Fans von gut recherchierten Raumfahrtgeschichten, die auch vor sehr detaillierten technischen Beschreibungen nicht zurückschrecken, aber durchaus empfehlenswert!





Titel: Amalthea (Originaltitel: Seveneves)
Autor: Neal Stephenson
Verlag: Manhattan (2015)
Format: Hardcover, 1056 Seiten
ISBN: 978-3-442-54762-3
Preis: €29,99
Link zum Verlag: http://www.randomhouse.de/Buch/Amalthea/Neal-Stephenson/e481516.rhd

1 Kommentar:

  1. Hallo Klingenfänger,
    ich habe das Buch auch schon länger beliebäugelt und bin mir jetzt, nachdem ich deine Rezension gelesen habe, gar nicht mehr so sicher, ob ich es nun noch lesen soll oder nicht^^ Von der Grundprämisse her erinnert es mich sehr an Die Welt wie wir sie kannten von Susan Beth Pfeffer, da schlägt nämlich auch ein Asteroid oder Meteorit in den Mond ein und bringt diesen aus seiner Umlaufbahn, woraufhin auf der Erde nichts mehr ist, wie es vorher war.
    Dennoch denke ich, dass Amalthea durchaus mit interessanten neuen Ideen aufwarten kann, aber wenn du sagst, dass der Autor sich in vielen Kleinigkeiten verliert und die Dialoge nicht so sauber schreibt... Na dann weiß ich nicht^^
    Es bleibt vorerst auf meiner Wunschliste, wird aber nicht oberste Priorität haben.
    Liebe Grüße, KQ

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