Sonntag, 17. Januar 2016

[Rezension] Wahre Geschichten aus dem Mittelalter (Arnold Esch)

Heute gibt es mal wieder eine Rezension zu einem Fachbuch, oder wohl eher zu einem Sachbuch, denn obwohl Arnold Esch ein sehr bekannter und fachlich fundierter Historiker ist, konnte mich das vorliegende Bändchen leider nicht wirklich überzeugen. Dazu aber gleich mehr.


Arnold Esch, Professor für mittelalterliche Geschichte und bis vor einiger Zeit auch Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom, ist Experte auf dem Gebiet der sogenannten päpstlichen Suppliken, also Bittschreiben, die im Mittelalter an die päpstliche Kurie gerichtet wurden. In diesen Schreiben geht es meist um die Bitte um Absolution von verschiedenen kleineren und größeren Fehltritten, die dem mittelalterlichen Menschen beabsichtigt oder aus Versehen passiert sein konnten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Quellengattungen kommen in den Suppliken auch ganz normale Menschen zu Gehör - wo es in Urkunden zumeist nur um Könige, Fürsten und Adlige geht, lassen die Bittschreiben an die Kurie auch die niederen Bevölkerungsschichten zu Wort kommen, so etwa Wirtshausbesitzer, einfache Pfarrer oder auch Studenten. Hier kann man also "Geschichte von unten" heraus erfahren, und da die Bitten um Absolution am päpstlichen Hof natürlich auch ernstgenommen werden sollten, ist davon auszugehen, dass sie zumindest in den meisten Fällen einen recht hohen Wahrheitsgehalt besitzen dürften - jedenfalls was die Umstände der geschilderten Geschichten angeht ... Der Bittsteller wird sich selbst natürlich immer in möglichst gutem Licht dastehen lassen. Nicht nur für Historiker sind diese Quellen also interessant, sondern auch für den historisch Interessierten, denn hier ist das Mittelalter aus Sicht des "kleinen Mannes" erlebbar und es tun sich interessante, teils wunderliche und teils auch lustige Anekdoten aus vergangenen Jahrhunderten auf.

So weit, so gut, das Quellenmaterial ist also sehr vielversprechend und Arnold Esch ist wie gesagt ein Kenner der Materie (ich durfte auch schon einmal einem seiner Vorträge beiwohnen, der mir wirklich sehr gut gefallen hat), doch leider ist das für die Schilderung gewählte Format nicht wirklich überzeugend. Esch greift in seinem Büchlein Suppliken aus allen möglichen Themenfeldern auf, von der Landbevölkerung über das Wirtshaus bis hin zum Krieg, und er bietet damit auch interessante Einblicke in die jeweiligen Gebiete, doch wird auf die einzelnen Suppliken kaum weiter eingegangen, es gibt zu den allermeisten Bittgesuchen nur wenige kurze Sätze, die ihren Inhalt paraphrasieren. Wo die Quellen direkt zitiert werden, passiert dies nur ausschnitthaft und (wenn überhaupt) mit sehr kurzer Einleitung. In den meisten Fällen wird die jeweilige Quelle jedoch nur nach dem Schema "Da hören wir von Person X, der das Unglück Y widerfahren ist" kurz zusammengefasst.
Somit gibt Esch zwar anhand vieler Beispiele einen guten Überblick über die Quellen, und es sind auch einige kuriose und lustige Fälle dabei, etwa wenn der Koch einem Schreiber den Stuhl unter dem Hintern wegzieht, weil er denkt, die Sitzgelegenheit sei unrechtmäßig aus der Küche entwendet worden, und der Schreiber daraufhin mit dem Möbelstück auf den Koch einprügelt. Aber insgesamt macht das Büchlein leider nur den Eindruck einer Aufzählung kurzer Anekdoten ohne größere Kontexte. So wird beispielsweise auch nur in den seltensten Fällen verraten, wie die Kurie denn nun eigentlich über den jeweiligen Fall entschieden hat, und gerade das wäre ja auch interessant zu wissen. Der Leser erfährt also unter anderem, welche Gründe es damals für Kneipenschlägereien gab oder wie es zu Unfällen auf der Jagd oder beim Baden kommen konnte. Die Hintergründe, die Menschen hinter den Bittgesuchen und ihre Lebensumstände bleiben aber im Dunkeln. Hier hätte ich mir gewünscht, dass der Autor vielleicht ein paar weniger Beispiele liefert, dafür aber etwas ausführlicher auf ausgewählte Fälle eingeht. So aber kommt das Buch nicht über den Status einer Aneinanderreihung von Quellenstellen hinaus.

Als Fazit bleibt zu sagen, dass "Wahre Geschichten aus dem Mittelalter" zwar eine nette Sammlung kurzer Episoden ist, die dem Leser ansonsten verborgene Einblicke in das Alltagsleben der mittelalterlichen Menschen bietet. Für alle jedoch, die mehr erwarten als ein paar ausgewählte "Schwänke aus dem Mittelalter", reicht dieses Buch leider nicht aus, es kann in diesem Fall höchstens Appetit anregen auf weiteres Studium dieser interessanten Quellengattung. Wer aber gerne Anekdoten nach dem Motto "Im Mittelalter kam es doch tatsächlich vor, dass ..." zum besten gibt, der macht mit diesem kleinen Büchlein nichts falsch, unterhaltsam ist es allemal.




Titel: Wahre Geschichten aus dem Mittelalter: Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst
Autor: Arnold Esch
Verlag: C.H. Beck (2014)
Format: Taschenbuch, 223 Seiten
ISBN: 978-3-406-63095-8
Preis: €12,95
Link zum Verlag: http://www.chbeck.de/Esch-Wahre-Geschichten-Mittelalter/productview.aspx?product=9329198

Kommentare:

  1. Hallöchen!

    Dein Buch erinnert mich irgendwie sogleich an "Herbst des Mittelalters" von Huizinga. Da war es für mich ebenfalls eine große Aneinanderreihung an Zitaten, die wirklich viel ohne Kontext stehen. Gilt allerdings als großer Klassiker in dieser Richtung, möglicherweise war ich einfach nur zu ungeduldig. Jedenfalls habe ich das Buch bis heute nicht zu Ende gelesen (bin wohl irgendwo in der Mitte stecken geblieben). Irgendwie erzwingt er mir auch zu sehr eine Heterogenität der Gefühlswels, soweit ich mich erinnern kann.

    Hast du auch schon etwas von Huizinga oder Le Goff gelesen?

    Liebe Grüße

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    1. Aber Huizinga ist ja auch "etwas" veraltet vom Forschungsstand her :D
      Von Le Goff hab ich sicher mal irgendwas gelesen, kann mich aber nicht genau erinnern, möglicherweise auch nur mal verschiedene Aufsätze ... ich kenne ihn aber auf jeden Fall :)

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    2. Ja, "etwas" veraltet xD aber grundsätzlich nicht uninteressant, gerade was die Quellen angeht (obwohl ich mich mittlerweile auch nicht mehr so gut erinnern kann, als dass ich das beurteilen könnte).

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