Mittwoch, 6. Januar 2016

[Rezension] Solange die Nachtigall singt (Antonia Michaelis)

Ich habe ja ein gewisses Faible für Märchen, und entsprechend war ich auch sehr neugierig auf dieses Buch von Antonia Michaelis, denn "Solange die Nachtigall singt" wird allerorten als "märchenhaft", "modernes Märchen" etc. bezeichnet. Und ohne gleich zu viel verraten zu wollen: Ja, das passt!



Aber zunächst zur Story: Der achtzehnjährige Jari hat gerade seine Tischlerlehre abgeschlossen und macht sich nun auf, vor Antritt seiner Stelle als Tischler noch ein paar Tage auf Wanderschaft zu genießen. In einem abgelegenen Dorf trifft er auf die geheimnisvolle und wunderschöne Jascha, die Jari zu ihrem Haus tief in einem Wald führt, der ein düsteres Geheimnis birgt. Und während Jari der Schönheit Jaschas und des Waldes erliegt, droht er ein Teil dieses Geheimnisses zu werden.
"Solange die Nachtigall singt" entführt uns ebenso wie die schöne Jascha den Tischlerjungen Jari in eine märchenhafte Welt, in der die Grenze zwischen Schönheit und Düsternis verschwimmt. Michaelis bedient sich einer wunderbaren Sprache, um die Surrealität des Waldes zu beschreiben, die zuerst anziehend auf Jari wirkt, dann aber immer mehr beginnt, seine Sinne zu vernebeln und ihn gefangen zu nehmen, bis er selbst nicht mehr weiß, was real und was Einbildung ist. Und Jascha scheint ein Teil dieses Waldes zu sein und nach ihren ganz eigenen Regeln zu spielen. Während der Leser so mit Jari in den Tiefen des Waldes umherirrt, vergisst er schnell, dass das Buch eigentlich in der Jetztzeit spielt - immer wieder ist man aufgrund der Sprache des Buches überzeugt, ein Märchen in einer nicht näher datierten Vergangenheit zu lesen, bis man plötzlich daran erinnert wird, dass es eigentlich ein modernes Setting ist, wenn etwa Jaris Handy klingelt.
Und auch wenn der Leser am Ende vermutlich nach und nach selbst kombinieren kann, was hinter dem Geheimnis des Waldes steckt, bis es dann zur großen Auflösung kommt, so tappt man doch lange Zeit genauso wie Jari im Dunkeln, denn alle Hinweise, die Jascha liefert, sind zweideutig und verwirren eher, als dass sie Sinn ergeben. So muss Jari selbst hinter das Rätsel kommen, was es mit dem Wald auf sich hat und was seine eigene Rolle darin ist, und der Leser kann fleißig mitraten und versuchen, sich selbst einen Reim auf die merkwürdigen und düsteren Geschehnisse zu machen, deren Zeuge Jari wird und die ihn bis zu seiner ganz persönlichen Finsternis führen.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Michaelis schafft es gekonnt, eine märchenhafte und geheimnisvolle Stimmung aufzubauen, die den Leser in ihren Bann zieht und ihn mitfiebern lässt, ob es Jari gelingen wird, der Umarmung des Waldes und der gefährlichen Schönheit Jaschas zu entkommen. Eine wundervolle Sprache mit vielen Wortneuschöpfungen, die zur Verwunschenheit des Waldes passen, sorgt dafür, dass man sich in einem Märchen wähnt, das im Laufe der Handlung immer spannender und düsterer wird.
Daher von mir 4,5 von 5 Punkten, aber auch eine kleine Warnung: Ich habe öfter schon gelesen, dass mancher mit der Sprache des Buches nicht klargekommen ist oder sich nicht auf das Märchenhafte der Erzählung einlassen konnte. Insofern scheint "Solange die Nachtigall singt" ein ziemlich polarisierendes Buch zu sein: Entweder man liebt es oder kann ihm nichts abgewinnen. Ich fand es jedenfalls äußerst lesenswert.






Titel: Solange die Nachtigall singt
Autor: Antonia Michaelis
Verlag: Oetinger (2014)
Format: Taschenbuch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-8415-0310-7
Preis: €9,99
Link zum Verlag: http://www.oetinger.de/buecher/specials/antonia-michaelis/jugendbuecher-antonia-michaelis/details/titel/3-8415-0310-1/19013/17166/Autor/Antonia/Michaelis/Taschenbuch_-_Solange_die_Nachtigall_singt.html

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