Freitag, 30. Oktober 2015

[Rezension] Vaterland (Robert Harris)


"Vaterland" von Robert Harris ist ein schon etwas älterer Krimi/Thriller aus dem Jahr 1992 mit einem eher ungewöhnlichen Setting. Im Jahre 1964 einer alternativen Vergangenheit, in der die Deutschen den zweiten Weltkrieg gewonnen haben, folgt der Leser dem KriPo-Fahnder Xaver März bei der Aufklärung eines Todesfalls, die zunächst als reine Routine beginnt, im Laufe des Buches jedoch weite Kreise zieht und März in eine gefährliche Verschwörung hineinzieht, bei der es für ihn nicht nur um Leben und Tod, sondern auch um die Frage geht, wie viel ein Mensch mit seinem Gewissen vereinbaren und wie lange ein Mann zu seiner Überzeugung stehen kann.
An sich ist "Vaterland" schon ein spannender Thriller mit einer gut konstruierten Handlung, die einige Wendungen bereit hält. Was den Roman aber wirklich besonders macht, ist das Setting. In Harris' alternativer Vergangenheit hat Deutschland den zweiten Weltkrieg gewonnen und mit den Amerikanern Frieden geschlossen, während im Osten Russlands noch vereinzelte Scharmützel mit Partisanen ausgefochten werden. Europa ist damit nahezu komplett unter deutschem Einfluss, die Reichsmark ist Universalwährung und der Nationalsozialismus die vorherrschende Ideologie. Harris zeichnet vor diesem Hintergrund ein beklemmendes Bild des Alltags im Nachkriegsdeutschland, in dem absoluter Gehorsam gegenüber Führer und Partei erwartet und Querdenker erbarmungslos verfolgt werden. Gut recherchiert und ziemlich drastisch führt Harris anhand vieler historischer Fakten dem Leser so vor Augen, wie es in den 60ern hätte aussehen können, wenn das Dritte Reich nicht untergegangen wäre. Die Handlung spielt größtenteils in Berlin, das kaum mehr wiederzuerkennen ist, denn überall ragen die gewaltigen Prunkbauten Hitlers empor wie zum Beispiel die "Große Halle", für die in der Tat Pläne existierten, welche aufgrund der Kriegsniederlage in unserer Realität aber nie umgesetzt werden konnten. Auch viele der auftauchenden Figuren sind reale Personen oder zumindest an diese angelehnt, sofern sie im Laufe des Krieges eigentlich gestorben sind, in Harris' Szenario jedoch überlebt haben.
In dieser düsteren Nachkriegswelt nimmt Xaver März nun seine Ermittlungen auf, die ihn schnell in Konflikt mit den Parteigenossen bringen und ihn vor die Frage stellen, ob er Recht und Gerechtigkeit verfolgen oder lieber weiterhin ein kleines Rädchen im faschistischen Getriebe bleiben soll. Die Antwort auf diese Frage könnte über Leben und Tod des Ermittlers entscheiden.

"Vaterland" ist ein wirklich intelligenter Roman mit einem innovativen Setting, das nicht nur einen geeigneten Hintergrund für die Handlung liefert, sondern den Leser auch zum Nachdenken über die historischen Zufälle anregt, die unsere Geschichte bestimmen und für die Welt verantwortlich sind, in der wir heute Leben (oder eben zum Glück nicht). Von mir 4 von 5 Punkten und eine klare Leseempfehlung!




Titel: Vaterland (Originaltitel: Fatherland)
Autor: Robert Harris
Verlag: Heyne (2015, Erstauflage 1992)
Format: Broschur, 384 Seiten
ISBN: 978-3-453-07205-3
Preis: €8,95
Link zum Verlag: http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Vaterland-Roman/Robert-Harris/e165667.rhd

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