Montag, 19. Oktober 2015

[Rezension] Aufbruch im Mittelalter (Hrsg.: Christian Hesse/Klaus Oschema)

Das Mittelalter gilt auch heute immer noch als eine dunkle und rückständige Zeit des Verfalls und Rückschritts. Im Englischen hält sich bisweilen gar der Begriff "Dark Ages" als Synonym für die Zeit zwischen Antike und Vormoderne. Begriffe wie "Innovation" und "Fortschritt" fallen hingegen im Volksmund selten in Verbindung mit dem Mittelalter. Doch ist überhaupt etwas dran am Mythos des "Dunklen Mittelalters"?




Auch wenn sich das Bild des dreckigen, brutalen und innovationsarmen Mittelalters - sicher auch aufgrund von Film und Fernsehen - bis heute hartnäckig im Volksglauben hält, wird jeder vernünftige Mediävist oder Mittelalterforscher sich natürlich bei den obigen Zeilen an den Kopf fassen, denn in der Forschung ist mit diesen Vorurteilen schon lange aufgeräumt worden. Nicht zuletzt die im Jahre 2008 in Bern durchgeführte Tagung "Aufbruch im Mittelalter. Innovationen in Gesellschaften der Vormoderne", deren Ergebnisse nun in vorliegendem Tagungsband gesammelt sind, liefert stichhaltige Gegenbeweise gegen das Bild des innovationsarmen Mittelalters.

Nach einem Vorwort und einer Einführung der Herausgeber Christian Hesse und Klaus Oschema kommen zehn Beiträger zu Wort, die sich mit jeweils unterschiedlichen Themengebieten beschäftigen und anhand dieser das Innovationspotential des europäischen Mittelalters aufzeigen. Es handelt sich dabei teilweise um konkrete technische und handwerkliche Neuerungen, aber auch um abstrakte und gesellschaftliche Innovationen:
  • Hans-Jörg Gilomen beschäftigt sich mit dem Kredit- und Finanzwesen.
  • Gerhard Fouquet widmet sich ebenfalls mit dem monetären Aspekt und untersucht die öffentliche Finanzverwaltung.
  • Innovationen im Bereich der Energieerzeugung und Technik stellt Karl-Heinz Spieß vor.
  • Die theologische und sozialethische Legitimationen von Erfindung und Fortschritt im Mittelalter wird von Klaus Schreiner untersucht.
  • Die Beziehung von Universität und Innovation ist Thema des (englischen) Beitrags von Willem Frijhoff.
  • Ludwig Schmugge beschäftigt sich mit medizinischen Gutachten am päpstlichen Gerichtshof.
  • Das Fehdewesen und seine Entwicklung im Spätmittelalter werden in Christine Reindes Beitrag vorgestellt.
  • Mit dem scheinbaren Widerspruch von Adel und Innovation setzt sich Thomas Zotz auseinander.
  • Martin Kintzinger stellt die Frage nach einer europäischen Außenpolitik im Mittelalter.
  • Bernd Schneidmüller schließlich untersucht die Aspekte von Nation und Nationenbildung im mittelalterlichen Europa.
Die Beiträge sind insgesamt sehr interessant, wobei sie mal tiefer und mal etwas oberflächlicher mit dem jeweiligen Thema umgehen. Besonders interessant fand ich beispielsweise Ludwig Schmugges Beitrag, der sich mit den Entscheidungen der kirchlichen Poenitentiarie beschäftigt. Hier geht es also um Bittgesuche an den Papst und wie diese sich teilweise auf medizinische Gutachten stützen, um beispielsweise die körperliche Unversehrtheit angehender Priester festzustellen. Hier war das Mittelalter in der Tat sogar fortschrittlicher als die heutige Zeit, wenn man sich - wie Schmugge es in seiner Zusammenfassung tut - einmal vor Augen führt, wie es wäre, wenn heutzutage der Papst in Abtreibungsfragen den Rat von Medizinern einholen würde ...
Auch große Erfindungen und Fortschritte, die heute gerne vernachlässigt werden, wenn man über das Mittelalter sprich, wie etwa der Buchdruck, das Bergbauwesen und die Energiegewinnung durchc Wind- und Wasserkraft werden in den Beiträgen thematisiert, ebenso wie die Innovation auf dem Finanzsektor, denn auch den Grundstein für die Banken und das Kreditwesen darf man bereits im Mittelalter suchen.
Obwohl die Beiträge alle interessant und informativ sind, geht manchmal leider ein wenig der Bezug zum thematischen Überbegriff verloren und erst am Ende des Beitrags werden die Forschungsergebnisse in die überspannende Frage nach der Innovation gestellt - hier hätte man vielleicht stringenter am Thema arbeiten können. So zeigt Christine Reindes zwar in ihrem Beitrag Entwicklungen im Fehdewesen auf, hier lassen sich meines Erachtens aber eher Bestrebungen feststellen, alterhergebrachte Strukturen zu erhalten, was eigentlich  gerade gegen eine Innovationsleistung sprechen würde.

Insgesamt ist der Band aber schön zusammengestellt und deckt viele auch teils sehr unterschiedliche Themengebiete ab, die aufzeigen, dass das Mittelalter durchaus Innovation kannte und lebte. Viele der hier genannten Aspekte liefern gar den Grundstein für spätere Entwicklungen, die bis heute Bestand haben, man denke nur an das Finanzwesen oder die Windkraft, die heute aktueller ist denn je - ja man könnte fast sagen, seit dem Mittelalter nun wieder eine Renaissance erlebt.
Ich gebe also 4 von 5 Punkten für diesen schönen Tagungsband, der mit einigen Vorurteilen über das dunkel Mittelalter aufräumt.




Titel: Aufbruch im Mittelalter. Innovationen in Gesellschaften der Vormoderne: Studien zu Ehren von Rainer C. Schwinges
Herausgeber: Christian Hesse/Klaus Oschema
Verlag: Thorbecke (2010)
Format: Hardcover, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7995-0873-5
Preis: €39,90
Link zum Verlag: http://www.thorbecke.de/aufbruch-im-mittelalter-innovationen-in-gesellschaften-der-vormoderne-p-1547.html

Kommentare:

  1. Hi ;)
    Früher habe ich auch immer viele geschichtliche Bücher gelesen. Das Mittelalter fand ich auch immer sehr interessant! :D

    Übrigens kannte ich deinen Blog noch gar nicht bin mal als Leserin geblieben. Ich schaue bestimmt wieder vorbei! :D

    Liebe Grüße
    Jessi
    http://in-buechern-leben.blogspot.de/

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    1. Danke, dann schau ich auch gleich mal bei euch vorbei :)

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