Montag, 31. August 2015

[Rezension] Erebos (Ursula Poznanski)

Computerspiele können süchtig machen, das steht außer Frage. Aber was, wenn hinter dem Spiel doch etwas mehr steckt? Wenn es so weit kommt, dass die Grenzen zwischen fiktiver und realer Welt zu verschwimmen beginnen?



Nick Dunmore, Schüler an einer Londoner Schule, muss sich genau diese Frage stellen. Er ist nicht der Einzige, der an seiner Schule inzwischen das mysteriöse Computerspiel "Erebos" spielt, das ganze eigenen Regeln folgt. Man kann es nicht einfach so kaufen und spielen ... man muss durch einen Spieler eingeladen werden und kann nur selbst Spieler werden, wenn man sich strikt an die Regeln hält. Und diese besagen, dass man niemals außerhalb des Spiels über selbiges spricht. Im Spiel selbst darf gleichermaßen kein Wort über die Außenwelt verloren werden. Dies hat natürlich zur Folge, dass keiner der Spieler weiß, wer sonst noch in der virtuellen Welt von Erebos unterwegs ist und wer hinter welchem Charakter steckt.
Das alleine würde das Spiel schon merkwürdig genug machen, doch Erebos beschränkt sich nicht nur auf die virtuelle Welt. Wer im Spiel weiterkommen möchte, muss Aufträge auch in der realen Welt erledigen. Und diese sind nicht immer ganz harmlos, wie Nick schnell erfahren muss ... bald schon wird offensichtlich, dass das süchtigmachende Spiel ganz eigene Ziele verfolgt und dabei buchstäblich über Leichen geht ...

Die Prämisse ist ziemlich interessant. "Erebos" erinnert ein wenig an den Film "Die Welle" (bzw. das zugrunde liegende Buch "The Third Wave"), in dem ein Experiment mit Schülern aufzeigt, wie gefährlich Gruppenbildung gerade für junge Menschen sein kann, die sich leicht verführen lassen und zu treuen Anhängern einer (auch fragwürdigen) Sache werden können. Auch wenn die Spieler von Erebos alle Alleingänger sind, bildet sich innerhalb der Schule doch schon bald eine Zweiklassengesellschaft, in der Abweichler verfolgt und mundtot gemacht werden.
 Die Idee mit dem Computerspiel, das auch Einfluss auf die reale Welt nimmt, ist ebenfalls gut ausgedacht. Insgesamt ist "Erebos" ein schön geschriebener Young Adult-Roman, der gekonnt die beiden Welten (real und virtuell) verknüpft und den Leser bei Nicks Streifzügen innerhalb von Erebos nicht zuletzt durch den Wechsel vom Präteritum ins Präsens direkt ins Geschehen einbindet und ihn mitfiebern lässt. Auch der Spannungsbogen bleibt bis zuletzt erhalten, bis am Ende der fulminante Höhepunkt steht, sowohl im Spiel als auch zeitgleich außerhalb.
Das Buch ist gut, keine Frage, und das Folgende ist Meckern auf hohem Niveau, aber ein paar Wermutstropfen gab es beim Lesen dann doch. Zum einen fand ich die Beschreibung des Suchteffekts von Erebos ein wenig zu oberflächlich. Jeder Computerspieler weiß, dass und wie Spiele süchtig machen können. Aber dies wird im Buch leider nicht wirklich tiefer beleuchtet. Die Spieler von Erebos verfallen dem Spiel gnadenlos, aber warum das so ist, erfährt der Leser nur am Rande, es bleibt ein wenig zu schwammig, warum sich die Schüler ganze Nächte um die Ohren schlagen, und vor allem, warum sie das gerade für Erebos tun und nicht für ein beliebiges anderes Spiel. Zum anderen hat mich das Ende ein wenig enttäuscht. Die Idee mit dem Spiel, das eine ganze Schaar von jungen Spielern zu willigen Gefolgsleuten machen kann, hat so viel Potential, doch am Ende ist die Auflösung sogar etwas banal. Hier hätte der Stoff für weitaus mehr gereicht, gerade auch im Hinblick auf eine fehlende kritische Auseinandersetzung mit den sozialen Dynamiken hinter der ganzen Sache. So aber bleibt die Moral der Geschichte ein wenig im Dunkeln, da das Ende recht konsequenzenlos bleibt.

Dennoch ist "Erebos" ein intelligenter und spannender Roman, der vor allem auch mal einen kreativeren Ansatz verfolgt. Nicht nur für Computerspieler geeignet!




Titel: Erebos
Autor: Ursula Poznanski

Verlag: Loewe (2014, Erstauflage 2010)
Format: Taschenbuch, 488 Seiten
ISBN: 978-3-7855-7361-7
Preis: €9.95
Link zum Verlag: http://www.loewe-verlag.de/titel-1-1/erebos-4322/

1 Kommentar:

  1. Ich habe das Buch etwa vor zwei Jahren geschenkt bekommen und dachte mir erst, da ich ein Mädchen bin, dass das überhaupt nichts für mich wäre, aber das Buch hat mich wirklich in seinen Bann gezogen und ich habe auf jeder Seite mitgefiebert, gerade wenn die Ereignisse aus dem Spiel sich dann auf das reale Leben auswirken!
    Deine Kritik kann ich gut nachvollziehen, du hast auf jeden Fall Recht damit, trotzdem hat mir in dem Moment, in dem ich das Ende gelesen habe, nichts daran gefehlt.
    Meine Freundin Vi und ich haben auch seit Kurzem einen Literaturblog und würden uns sehr freuen, wenn du ihn dir ansehen würdest. ;)
    Viele Grüße Kit

    AntwortenLöschen