Mittwoch, 19. August 2015

[Rezension] Catch-22 (Joseph Heller)

Bisher ist mir wohl noch keine Rezension so schwer gefallen wie diese hier, zumindest was die Entscheidung über die Bewertung angeht. Denn "Catch-22" aus dem Jahre 1955 ist ein sehr vielschichtiges Buch, über das man viel schreiben kann, das man aber wohl selbst gelesen haben muss, um zu entscheiden, ob es etwas für einen ist. Ich will dennoch den Versuch wagen, im Folgenden zu beschreiben, was es mit diesem Roman auf sich hat.

http://www.vintage-books.co.uk/books/0099496968/joseph-heller/catch-22/

Die Schwierigkeit, "Catch-22" zu beschreiben, beginnt bereits bei der Zusammenfassung der Handlung. Denn eine Handlung hat das Buch in diesem Sinne fast gar nicht. Der Roman spielt zur Zeit des zweiten Weltkrieges, die Alliierten haben bereits ihren Brückenkopf in Süditalien gesichert und fliegen nun u. a. von der Insel Pianosa aus Angriffe gegen die Deutschen. Zu der Auf Pianosa stationierten Truppe gehört auch Captain Yossarian, der Hauptcharakter des Romans. Er ist Bombenschütze an Bord einer B-25 und schon eine ganze Weile im Einsatz.
So dreht sich die Handlung auch vorwiegend um Yossarians Versuch, einfach nur noch mit heiler Haut aus der ganzen Sache herauszukommen. Denn seine Vorgesetzten erhöhen jedes Mal auf Neue die Grenze der geforderten Einsätze, die eine Flugzeugbesatzung geflogen haben muss, um nach Hause geschickt zu werden, und so sitzen Yossarian und seine Kameraden in einem Teufelskreis fest, aus dem scheinbar nur der Tod einen Ausgang bietet. Die einzige andere Möglichkeit wäre, auf Befehl der Vorgesetzten direkt nach Hause geschickt zu werden. Das kann aber nur geschehen, wenn ein Pilot für verrückt erklärt wird - und hier kommt der Titel des Romans ins Spiel. Denn nur wer sich selbst als verrückt einweisen lässt, darf auch als verrückt diagnostiziert werden. Und wer sich selbst als verrückt einweist, um nach Hause zu kommen, ist in den Augen der Militärs vollkommen gesund, denn nur ein Mensch mit gesundem Verstand würde versuchen, sich für verrückt erklären zu lassen, um dem Krieg zu entkommen. Diese absurde Anweisung von ganz oben (obwohl niemand weiß, ob sie wirklich existiert) nennt sich Catch-22, daher also der Titel des Buches.

Und hier erkennt man auch schon den Stil des Buches. Denn in erster Linie ist "Catch-22" wohl eine Komödie, die die Verrücktheit und Absurdität des Militärapparates karikiert. Das tut Heller auch am laufenden Band, indem er sich immer wieder neue absurde Ideen einfallen lässt, sei dies im Falle von General Scheißkopf (ja, er heißt wirklich so!), der seine Männer am liebsten den ganzen Tag lang nur Parade laufen lassen würde, im Fall der Sanitäter, die jedem Patienten das Zahnfleisch einfärben und ihn dann mit einem Abführmittel vor die Tür setzen, egal was das Problem ist, oder im Fall von Milo Minderbinder, der eigentlich nur der Messeoffizier und damit verantwortlich für die Verpflegung der Truppe ist, der jedoch ein eigenes weltumspannendes Kartell auf die Beine stellt und Handel mit Waren aus aller Herren Länder treibt (auch mit den Deutschen!), was aber nur funktionieren kann, solange er keinen Gewinn damit macht, weil er überall teurer einkauft, als er dann wieder verkauft, um die Preise der anderen zu unterbieten.

Wie ich bereits schrieb, hat "Catch-22" aber keine Handlung in dem Sinne, denn die einzelnen Kapitel handeln jeweils immer von einer der Personen, die eine Rolle in der Geschichte spielen, und erzählen meist das selbe Geschehen, nur aus einem anderen Blickwinkel. So ist die Handlung auch eher als Situationsbericht oder Rückblick zu beschreiben, bis auf die letzten Kapitel, die Yossarians Geschichte letztendlich doch weitererzählen.

Und hier liegt wohl auch das Problem, das ich in erster Linie mit "Catch-22" hatte. Denn durch die vielen Kapitel, die mitunter immer wieder das selbe erzählen, teilweise sogar wortgenau, zieht sich das Buch doch ziemlich in die Länge. Immer wieder denkt man sich "Das habe ich doch schon mal gelesen", und in der Tat, manche Stellen werden sogar 4 oder 5 Mal wiederholt. Sie passen zwar immer in den jeweiligen Abschnitt, aber ich fand es dann doch etwas langatmig. 
Gleiches gilt für die Dialoge. Diese sind meistens völlig sinnentleert und erinnern bisweilen an Sketche von Monty Python, wenn sich die Gespräche immer nur im Kreis drehen, ohne dass eigentlich etwas gesagt wird, und oft reden die Charaktere auch völlig unzusammenhängend. Als Beispiel sei hier ein Gespräch Yossarians mit einer Freundin genannt: Er sagt ihr, er will sie heiraten, sie meint, er wäre verrückt. Warum er verrückt sei? Weil niemand sie heiraten wolle. ER wolle sie doch heiraten. Das ginge nicht, denn er sei verrückt. Aber warum ist er verrückt? Und so geht das eine ganze Seite lang hin und her, immer im Kreis. Anfangs ist das noch ganz lustig, aber oft wirkt es auch ziemlich übertrieben und langweilt an manchen Stellen.
Dazu kommen scheinbar wahllose Sprünge im Laufe der Erzählung, wenn der Autor ohne Warnung von einem Charakter zum nächsten wechselt oder von einer Szene zur anderen. Nur scheinbar deshalb, weil das Ganze schon einem System folgt und im Kontext des Buches durchaus auch Sinn ergibt, zumal es vermutlich das Chaos des Kriegsalltags veranschaulichen soll. Trotzdem fällt es dadurch mitunter etwas schwer, den Erzählsträngen zu folgen, denn eine chronologische Abfolge hat die Handlung nicht - man weiß oftmals nicht, wo und wann man sich gerade befindet.

Dennoch ist das Buch gut geschrieben, denn zum einen sind dort die besagten skurrilen Einfälle - wo findet man schon einen amerikanischen Ureinwohner, der stets von seinem Land vertrieben wird, weil dort immer Öl gefunden wird, so dass ihm später die Ölfirmen überall hin folgen, um zu sehen, wo er sich als nächstes nieder lässt? - die manchmal wirklich urkomisch sind. Es gab einige Stellen, an denen ich in der Tat laut lachen musste. Zum anderen schneidet das Buch aber auch die bittere Seite des Krieges an. Die Verzweiflung Yossarians, der am Ende nur noch am Leben bleiben möchte und alle seine Freunde nach und nach sterben sieht, die Militärmaschinerie, die hier natürlich total überspitzt dargestellt, im Grunde aber treffend beschrieben wird - dies gibt dem ansonsten satirisch-lustigen Roman eine ernste Beinote, die gerade zum Ende hin immer weiter hervortritt, als Yossarians Welt mehr und mehr zusammenbricht und die Stimmung immer bedrückender wird, so dass auch das Komödienhafte immer weiter zurücktritt.

Es ist also recht schwierig, dieses Buch gerecht zu bewerten. Eigentlich ist es sehr lesenswert (in der Tat wurde es durch das Magazin "Time" zu einem der 100 besten englischen Romane der letzten 80 Jahre gekürt), aber wie gesagt mitunter auch etwas langatmig, so dass ich mich stellenweise wirklich zwingen musste, weiter zu lesen. Wirklich gepackt hat es mich nicht so richtig, dennoch fand ich es oft unterhaltsam und einige Stellen sind wirklich Gold wert. Den Humor muss man sicherlich mögen, wie gesagt, Monty Python-Fans und solche, die auf sinnlose Dialoge und völlig absurde Ideen stehen, werden vermutlich ihren Gefallen an "Catch-22" finden. Ich gebe nun 3 Punkte, da ich mich wie gesagt stellenweise durch das Buch quälen musste und es im Ganzen zu langatmig fand. Aber auch wenn es nicht für jeden etwas sein dürfte, so liegt hier doch sicherlich ein wichtiges und interessantes Stück Literatur verborgen. Man sollte sich also nicht von meiner bewusst mittelmäßigen Bewertung abschrecken lassen und es zumindest mal anschauen - weglegen kann man es dann immer noch, wenn es einem nicht gefällt.




Titel: Catch-22 (Deutscher Titel: Catch-22)
Autor: Joseph Heller
Verlag: Vintage Books (1994, Erstausgabe 1955)
Format: Mass Market Paperback, 570 Seiten
ISBN: 978-0-099-53601-7
Preis: ca. £8.99
Link zum Verlag: http://www.vintage-books.co.uk/books/0099496968/joseph-heller/catch-22/

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