Sonntag, 11. Januar 2015

[Rezension] Unnatural Creatures (Neil Gaiman)

Drachen, Greifen, Werwölfe ... die Liste von ungewöhnlichen Kreaturen, die seit jeher unsere Fantasie beflügeln, ist nahezu unerschöpflich. Wir kennen sie aus Film und Fernsehen, aber auch aus den Geschichten unserer Jugend - vielleicht waren dies sogar mit die ersten Geschichten, die uns als Kinder fasziniert und dazu gebracht haben, mit dem Lesen anzufangen. Mit "Unnatural Creatures" bringt uns Neil Gaiman nun eine wunderbare Sammlung von genau solchen Kurzgeschichten, jedoch in einer ganz neuen, bisher sicher nicht oft gelesenen Form.



Zunächst muss aber sicher erst einmal klar gestellt werden, dass Neil Gaiman nicht der Autor des Buches ist, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte - hier hat das Marketing den kleinen Zusatz "stories selected by" clever versteckt, um die Kunden mit dem Namen des berühmten Autors zu ködern. Gaiman hat die Texte nämlich nur zusammengestellt - von ihm selbst ist nur eine der insgesamt 16 Geschichten. Das schmälert aber keineswegs die Qualität des Buches, denn unter den Autoren finden sich auch Größen wie Peter S. Beagle (von ihm stammt "Das letzte Einhorn"). Die Autoren sind teils zeitgenössisch, teils aber auch bereits lange verstorben, und ihre Geschichten sind teilweise Wiederveröffentlichungen, manche davon finden sich aber auch zum allerersten mal in diesem Band.

Die Geschichten selbst drehen sich natürlich ganz um die "Unnatural Creatures" - und hier begegnen uns nicht nur alte Bekannte wie der Werwolf oder das Einhorn, sondern auch interessante, lustige, ausgefallene und magische andere Kreaturen wie zum Beispiel die Kartenzeichner-Wespe oder ein Monster in Form eines Tintenkleckses - und sogar der Tod bekommt einen Gastauftritt als "natürlichste unnatürliche Kreatur der Welt". Es sind aber nicht die altbekannten Geschichten, wie wir sie aus dem Aber- und Volksglauben kennen, denn die fantastischen Kreaturen begegnen uns hier in völlig neuem Gewand. Oder hat schon einmal jemand von einem Phönix gelesen, der einem Club von Feinschmeckern als Delikatesse dienen soll? Ich jedenfalls nicht. Und so nehmen uns die Autoren mit auf eine spannende, faszinierende und oft auch lustige Reise quer durch die Welt der mythischen Geschöpfe. Vom Stil her sind die Geschichten alle eher traditionell und erinnern oft an Fabeln und Märchen - man könnte sie sicher auch als Grusel- oder Gutenachtgeschichten für Kinder verwenden. Es vermischen sich reale und fiktiv-fantastische Stilelemente, wie das eben bei Märchen der Fall ist.

Bei Kurzgeschichtensammlungen ist es ja leider oft so, dass man sowohl gute als auch schlechte Geschichten findet beziehungsweise solche, die einem gut gefallen, und solche, die man nicht sonderlich mag. Daher ist es auch immer recht schwierig, solche Anthologien zu bewerten. Im Fall von "Unnatural Creatures" war ich hingegen sehr positiv überrascht, denn ich fand eigentlich alle Geschichten gelungen, manche etwas mehr, manche etwas weniger, aber ich habe alle gerne gelesen und hatte nie das Gefühl, dass ich eine Geschichte nicht mehr zu Ende lesen wollte. Sie sind auch alle angenehm kurz und sehr schön zu lesen, so dass man selbst bei den etwas weniger spannenden nicht lange verweilen muss. Für mich persönlich war aber keine einzige dabei, die ich nicht interessant fand, ganz im Gegenteil, es waren einige richtig tolle Stories mit dabei.

Die Aufmachung des Buches passt wunderbar zum Thema, denn es ist gestaltet in einer Mischung aus altem Märchenbuch und 60er/70er-Monsterstory und mit tollen Illustrationen zu den jeweiligen Anfängen der Geschichten verschönert - und das "Tintenklecksmonster" ist sogar grafisch geschickt in die Geschichte eingebunden, das muss man gesehen haben!

Natürlich muss man Kurzgeschichten mögen, sonst findet man sicher keinen Gefallen an dieser Sammlung, aber wenn man mit dieser Art von Text etwas anfangen kann, dann bietet "Unnatural Creatures" eine wunderschöne Sammlung von sehr ausgefallenen und schön geschriebenen Geschichten, die einem bekannte, aber auch ganz neue Fantasie-Kreaturen in einem frischen neuen Gewand präsentieren. Lediglich bei der Auswahl der Geschichten hätte Gaiman etwas kreativer sein können, denn so finden sich gleich zwei Werwolfgeschichten und eine über ein Fahrrad (!) in dem Band - es sind zwar auch schöne Geschichten, aber hier hätte man dem Thema des Sammelbandes etwas treuer sein und sicher auch noch andere Texte auftreiben können, die besser dazu gepasst hätten. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau, und daher gibt es auch nur einen halben Punkt Abzug von einer ansonsten perfekten Wertung. Und eine Kaufempfehlung gibt es obendrein für alle, die Kurzgeschichten und fantastische Kreaturen mögen!

(Das Buch ist übrigens 2013 nur auf Englisch erschienen und seitdem nicht übersetzt worden - ich vermute fast, dass das dann auch nicht mehr passieren wird.)




Titel: Unnatural Creatures (bisher nicht auf Deutsch erschienen)
Herausgeber: Neil Gaiman
Verlag: HarperCollins (2013)
Format: Gebunden mit Schutzumschlag, 462 Seiten
ISBN: 978-0-06-223629-6
Preis: ca. $18,99
Link zum Verlag: http://www.harpercollins.com/9780062236296/unnatural-creatures

Kommentare:

  1. Das Cover ist ja mal ein echtes Highlight!
    Aber deine Meinung überzeugt mich auch :) Obwohl ich Kurzgeschichten eher selten lese, lasse ich das Buch mal auf meine Wunschliste wandern :) Du übernimmst volle Verantwortung ;P
    Liebe Grüße ♥
    Hannah

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    1. Die Verantwortung übernehme ich gerne :) Ich bin normal auch nicht so der Kurzgeschichten-Fan, zumal die meisten Anthologien auch sehr schwankend sind in der Qualität der Geschichten. Aber hier wirst du bestimmt deinen Spaß haben :)

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