Dienstag, 30. Dezember 2014

[Rezension] Passagier 23 (Sebastian Fitzek)

Eine schwimmende Kleinstadt mit tausenden Bewohnern und keinem Polizisten im Umkreis von hunderten von Meilen - eigentlich der perfekte Ort für ein Verbrechen. Das hat sich wohl auch Sebastian Fitzek gedacht, der seinen neuesten Thriller auf einem Kreuzfahrtschiff spielen lässt, auf dem genau dieses Szenario eintritt.


Der Polizeipsychologe Martin Schwartz hat vor fünf Jahren seine Frau und seinen kleinen Sohn verloren, als diese zusammen auf einer Kreuzfahrt auf dem Schiff "Sultan of the Seas" waren. Der Fall wurde als Selbstmord zu den Akten gelegt, und obwohl Martin juristisch gegen die Kreuzfahrtgesellschaft vorging, konnte er nicht erreichen, dass sie ihre Schuld an dem Unglück einräumte. Der Vorfall stürzte Martin in schwere Depressionen, so dass er heute als verdeckter Ermittler arbeitet, der jegliches Himmelfahrtskommando als Auftrag akzeptiert und keine Angst vor dem Tod hat – bis er eines Tages einen merkwürdigen Anruf erhält, der ihn zurück auf eben jenes Schiff bringt, das er nie mehr in seinem Leben betreten wollte: Die "Sultan of the Seas", auf der ein einst verschwundenes Mädchen plötzlich wieder aufgetaucht ist – zusammen mit einem Gegenstand, den Martins Sohn dabei hatte, als er verschwand.

Ich muss sagen, dass ich bisher noch kein Buch gelesen habe, auf das die Beschreibung "Thriller" besser zutrifft als auf Fitzeks neuestes Werk. Das Buch ist in recht kurze Kapitel unterteilt, von denen eigentlich so ziemlich jedes mit einem Cliffhanger endet, denn von Anfang an wirft Fitzek den Leser in eine surreale Welt an Bord des Kreuzfahrtschiffes, auf dem ein merkwürdiges Ereignis das nächste jagt. Und so geschehen am laufenden Band haarsträubende und erschreckende Dinge, während die Handlung immer mysteriöser wird, unerwartete Wendungen geschehen und neue Fragen aufgeworfen werden. Die Spannung ist also garantiert, quasi von der ersten Seite an wird man hineingezogen in die seltsamen Geschehnisse auf der "Sultan of the Seas" und das Buch entwickelt eine unglaubliche Anziehungskraft, da man wie gesagt nach fast jedem Kapitel erst mal vor den Kopf gestoßen ist und weiterlesen möchte, weil gerade wieder irgendetwas Spannendes passiert ist.

Mehr als die Hälfte des Buches fliegt damit auch in Windeseile dahin, da einen die Handlung nicht mehr los lässt - hier hat Fitzek vorzüglich gearbeitet und die Spannung sorgsam aufgebaut und mit gut recherchierten Fakten über Kreuzfahrtschiffe untermauert, so dass ein lebendiges Bild an Bord des Luxusschiffes entsteht. Doch etwa im letzten Drittel des Buches zahlt die Handlung den Preis für die vielen aufgeworfenen Fragen am Anfang, denn plötzlich gerät Fitzek offenbar in Erklärungsnöte und muss versuchen, dem Leser die ganzen plötzlichen Wendungen und rätselhaften Geschehnisse zu erläutern, die vorher passiert sind, was dazu führt, dass sich die "Bösen" der Geschichte in seitenlangen Monologen ergehen, wie sie das alles geplant haben und was die Hintergründe für das Geschehene sind – bekannt aus vielen James Bond-Filmen, in denen der Bösewicht Bond noch einmal schön alles gesteht, während er ihn umbringen will. Leider wirkt das ziemlich unglaubwürdig und setzt der ansonsten tollen Story zum Schluss einen Dämpfer auf, zumal die Erklärungen dann auch immer abstruser und unrealistischer werden. Hier wäre weniger sicherlich mehr gewesen, denn die Hintergründe sind einfach zu vertrackt und zu weit hergeholt. Klar kann man damit viele unvorhergesehene Wendungen schaffen, aber wenn man es dann am Ende alles gezwungen aufklären muss, damit der Leser nicht im Dunkeln bleibt, dann hätte man es vielleicht etwas einfacher halten sollen, damit die Protagonisten selbst herausfinden können, was passiert ist, und nicht auf die Monologe der Gegenspieler angewiesen sind.

Handwerklich ist das Buch solide gemacht, die Charaktere sind nicht besonders ausgefeilt, aber das muss in einem solchen Thriller auch nicht der Fall sein. Lediglich die Beschreibung von Lisa, einer fünfzehnjährigen Schülerin, die ebenfalls auf dem Schiff ist und eine größere Rolle spielt, ist meiner Meinung nach total daneben gegangen, denn sie spricht die ganze Zeit nur in einem fiktiven Jugendslang, so wie sich Erwachsene vielleicht vorstellen, dass Kinder in dem Alter heute sprechen, es wirkt aber völlig unrealistisch und überzogen. Die Stimmung auf dem Kreuzfahrtschiff hingegen ist sehr schön eingefangen, sowohl von technischer Seite als auch was das Leben auf solch einem Ozeanriesen angeht.

Insgesamt ist "Passagier 23" ein wirklich spannender und lesenswerter Psychothriller, der einen über viele Seiten fesselt, dann am Ende aber leider etwas schwächelt, weil zu viele Wendungen erklärt werden wollen. Bis dahin hat man den größten Teil des Buches aber bereits verschlungen, weshalb ich auch 4 von 5 Punkten gebe, denn gut unterhalten kann der Roman allemal, und nicht nur einmal wird man am Kapitelende große Augen machen und sich nur noch denken "Was ist denn jetzt schon wieder passiert?", so dass man einfach weiter lesen muss. Die etwas hanebüchene Auflösung lässt einen leicht faden Nachgeschmack zurück, aber wie gesagt, man wurde ja gut unterhalten bis zum Schluss, also fällt das nicht so sehr ins Gewicht.

Zwei Anmerkungen gibt es noch von mir: Zum einen sollten Leser mit schwachem Magen sich gut überlegen, ob sie das Buch lesen wollen, denn ein paar Szenen haben es wirklich in sich, gerade auch gleich am Anfang ... beim Essen wollte ich so etwas nicht unbedingt lesen.
Zum anderen folgt am Ende des Buches nach der Danksagung und einigen Anmerkungen des Autors noch mal ein Epilog, den man aber trotz seiner versteckten Stellung unbedingt lesen sollte, da er die Geschichte erst richtig zu Ende führt. Warum er ganz ans Ende hinter das Nachwort des Autors gepackt wurde, wo ihn manch einer vielleicht gar nicht mehr liest, ist mir ein Rätsel. Denn wer das Buch nach dem "offiziellen" Ende aus der Hand legt, wird sich wundern, warum einige Fragen gar nicht beantwortet wurden.





Titel: Passagier 23
Autor: Sebastian Fitzek
Verlag: Droemer (2014)
Format: Gebunden mit Schutzumschlag, 432 Seiten
ISBN: 978-3-426-19919-0
Preis: €19,99
Link zum Verlag: http://www.droemer-knaur.de/buch/8418232/passagier-23

Kommentare:

  1. Ich kann dir nur voll und ganz zustimmen! Ja es hatte auch seine Schwächen, ja es war stellenweise abstrus und überzogen. Dafür aber wahnsinnig spannend und unterhaltsam. Ich lese ja normal keine Thriller, aber Fitzeks Bücher ziehe ich mir gerne als Hörbücher rein und bin dann vollkommen gebannt. Geschockt auch oft, aber es ist einfach fesselnd. Mit dem Epilog fand ich auch in der Hörbuchfassung sehr witzig, weil er das selbst vorgelesen hatte.

    Liebe Grüße,
    Tina

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  2. Hi,
    ich bin durch den BloKoDe hier gelandet und hab Deine Rezi gleich entdeckt :)
    Ich mag die Bücher von S. Fitzek ganz gern, muss aber zugeben das ich dieses, nicht so spannend fand wie andere von ihm. Letztendlich bekam es von mir 3 von 5 Sternen aus verschiedenen Gründen wie zb. blasse Figuren usw.
    Wünsche Dir ein erfolgreiches 2015,
    LG Ela

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  3. Hey!

    Ich bin durch Blog-Zug auf dich gestoßen und gleich mal Leser geworden.
    Die Rezension gefällt mir sehr gut. Das Buch wollte ich mir sowieso kaufen ;-)

    Viele Grüße, Christian (von bieberbruda.blogspot.de)

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  4. Hallo!

    Also ich persönlich kenne "Passagier 23" noch nicht. Aber ich bin ein Fan von Fitzek! Auf meinem Blog findest du eine Review zu "Der Nachtwandler". Vielleicht kennst Du den Roman ja noch nicht oder hast eine komplett andere Meinung als ich?

    Absolut empfehlenswert sind auch "Augensammler" und "Augenjäger"... Die hatte ich in ein paar Tagen durch!

    Bin gerade wieder mit dem Bloggen angefangen. Vielleicht magst du ja demnächst mal vorbeischauen!

    Liebe Grüße
    Peter

    http://www.petersbuecherkiste.blogspot.de/

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