Donnerstag, 25. Dezember 2014

[Rezension] Der Weg der Könige (Brandon Sanderson)

Brandon Sanderson hat in den letzten Jahren viel Lob erfahren, mitunter wird er gar als der "Tolkien des 21. Jahrhunderts" bezeichnet. Seine neues Epos der "Sturmlicht-Chroniken", das auf zehn Titel ausgelegt ist, hat bereits viel Publicity und zahlreiche gute Bewertungen erhalten, daher wollte ich mir die Reihe nun auch einmal anschauen und sehen, was hinter diesem "großen Fantasy-Epos des 21. Jahrhunderts" steckt.


Schon das englischsprachige Hardcover des ersten Bandes ist über stolze 1000 Seiten stark, doch im Deutschen sind die Bände zweigeteilt, weshalb "Der Weg der Könige" 896 Seiten vorweisen kann - "Pfad der Winde", der zweite Teil des ersten Bandes, schlägt dann ebenfalls noch einmal mit knapp 800 Seiten zu Buche. Leichte Kost darf man hier also sicher nicht erwarten, das war mir schon im Voraus klar, und enttäuscht wurde ich beileibe nicht.

Gleich vorweg muss ich sagen, dass ich eigentlich kein großer Fan von üppiger High-Fantasy bin, in der jedes kleine Ding einen anderen Namen hat als bei uns, da ich schnell das Gefühl habe, dass man auf Teufel komm raus klar machen möchte, dass es sich hier um eine fantastische Welt handelt, die ganz anders ist als unsere eigene. Entsprechend skeptisch ging ich auch an "Der Weg der Könige" heran, denn Sanderson hat hier eine komplett neue Welt erschaffen und er wirft nur so um sich mit fremd klingenden Namen, magischen Aspekten und historischen Ereignissen.
Aus diesem Grund fiel es mir auch nicht leicht, in das Buch hinein zu kommen. Bereits zu Anfang ist die Rede von verschiedenen Völkern und Ländern mit ausgefallenen Namen, von magischen Waffen und Rüstungen, die ihre ganz eigene Geschichte haben, von fantastischen Wesen und historischen Ereignissen. Auf der einen Seite ist das natürlich toll, da Sanderson eine ganz eigene Welt schafft und diese auch bis ins kleinste Detail ausarbeitet. Auf der anderen Seite vergisst er leider immer wieder, dem Leser zu erklären, was es damit auf sich hat. Natürlich muss man dem Leser nicht immer alles sofort auf die Nase binden, aber hier fehlen meiner Meinung nach doch ein paar erläuternde Worte, die helfen würden, in die Story hinein zu kommen. Als Beispiel seien die "Sprengsel" genannt, bei denen es sich wohl um magische Wesen handelt, die von Dingen in ihrer Umwelt angelockt werden, z.B. tauchen Angstsprengsel auf, wenn man sich fürchtet, Feuersprengesel kommen, wenn es brennt, etc. Zwar wissen die Bewohner von Roschar, der Welt, in der die Sturmlicht-Chroniken spielen, auch nicht sonderlich viel über diese Wesen, aber da es alltägliche Erscheinungen sind, hätte zumindest am Anfang kurz erklärt werden können, um was es sich dabei handelt. So aber muss der Leser erst ein paar hundert Seiten bewältigen, bevor er sich ein Bild davon machen kann, was es mit den Sprengseln auf sich hat, obwohl jeder Charakter sie kennt und andauernd sieht.

Die Haupthandlung hingegen stellt sich trotz des Umfangs als relativ überschaubar heraus, und auch die Zahl der wichtigen Charaktere hält sich (noch?) in Grenzen. Um die Geschichte kurz zu umreißen: Schauplatz der Handlung ist Roschar, eine Welt, auf der fürchterliche Stürme toben, welche die Bewohner dazu zwingen, in windgeschützten Felsspalten zu leben. Nur in der Zeit zwischen den Stürmen wagen sich die Menschen aus ihren Städten heraus, zum Beispiel auf die Zerbrochene Ebene, auf der das Volk der Alethi unter König Elhokar Krieg gegen die Parschendi führt. Dalinar, der Onkel des Königs, ist ein Heerführer der Alethi und einer der Hauptcharaktere - ihm folgt der Leser auf die Zerbrochene Ebene, um sowohl den Kampf gegen die Parschendi als auch die politischen Ränke am Alethi-Hof zu erleben.
Kaladin, der zweite Hauptcharakter, kämpft ebenfalls auf der Zerbrochenen Ebene, doch am ganz anderen Ende der "Nahrungskette" - er ist ein Sklave, der zum Brückendienst gezwungen wird: Er muss die Brücken transportieren, welche die Soldaten der Alethi über die Schluchten der Ebene hinwegtragen. Eine Aufgabe, die nur wenige lange überleben.
Schallan schließlich ist eine junge Fürstentochter, die versucht, ihr Fürstenhaus vor dem Untergang zu bewahren. Dazu muss sie das Vertrauen von Jasnah erlangen, der Schwester König Elhokars.

Diesen drei Hauptsträngen folgt die Erzählung, wobei die Aufteilung etwas eigentümlich ist. Denn von Schallan zum Beispiel erfährt man nur zu Beginn des Buches und schließlich am Ende wieder, dazwischen springt die Handlung nur zwischen Dalinar und Kaladin hin und zurück. Unterbrochen werden diese Erzählstränge von Zwischenspielen, die manchmal scheinbar nichts mit der Haupthandlung zu tun haben. Szeth, der Attentäter, dem immer mal wieder ein paar Seiten gewidmet sind, spielt hierbei noch eine relativ wichtige (Neben-)Rolle, aber andere Zwischenspiele passen so gar nicht in die Handlung und am Ende des Buches ist man hier auch nicht schlauer als vorher. Das liegt vielleicht daran, dass das Buch im Deutschen zweigeteilt ist und die Personen später im zweiten Teil wieder auftauchen. Ein bisschen merkwürdig ist es aber schon, dass irgendwo für 10 Seiten ein paar Charaktere eingeführt werden, von denen man dann nie wieder etwas liest. Genauso verhält es sich mit den kleinen Zitaten, die jedem Kapitel voranstehen. Diese sind offenbar Büchern entnommen, die in der Welt Roschars existieren, aber ohne Kontext kann der Leser überhaupt nichts damit anfangen. Das ist ein wenig schade, denn sie könnten zwar Stimmung machen, aber da man nie etwas dazu erfährt, bleibt einem nicht viel mehr übrig, als das Zitat zu lesen und sich zu denken "Ja schön, aber keine Ahnung, was das nun bedeutet".

Ich war, wie am Anfang schon erwähnt, zu Beginn des Buches recht skeptisch. Aber ich muss sagen, dass ich im Verlauf der Handlung immer mehr in die Geschichte hinein gefunden habe. Das Tempo der Erzählung ist eher langsam, im ersten Buch passiert auch nicht wirklich viel, das die Handlung groß vorantreiben würde. Man folgt vielmehr Kaladin bei seinem Kampf ums Überleben auf der Zerbrochenen Ebene, lernt die politischen Begebenheiten kennen, mit denen sich Dalinar auseinandersetzen muss, und begleitet Schallan dabei, wie sie sich am Hof von Jasnah einlebt. Es gibt zwar immer wieder spannende Momente und Kämpfe, aber wie gesagt, die großen Ereignisse bleiben vorerst aus. Dennoch schafft es das Buch gut, den Leser zu fesseln, da er immer mehr über die Welt von Roschar erfahren möchte - und es gibt auch immer wieder Andeutungen, dass noch Großes kommen wird, die Spannung bleibt also erhalten, auch wenn vieles in Band eins (natürlich, bei so einem groß angelegten Epos) noch Exposition ist. Die Charaktere sind durchweg recht glaubwürdig geschrieben und man kann sich mit ihnen identifizieren, auch wenn sie meist vielleicht ein wenig zu "flach" erscheinen, da ihre Motive ziemlich eindeutig sind und sie sich (zumindest bisher) nahtlos in ein Gut-Böse-Muster einordnen lassen. Das Setting mit der sturmumtosten Welt tut sein Übriges, um den Leser bei Laune zu halten, denn man kann immer wieder Neues entdecken, und ich bin sicher, dass da im Laufe der Reihe noch so einiges auf uns zu kommen wird.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass "Der Weg der Könige" ein vielversprechender Auftakt zu einer großen Reihe ist, der zwar an Schönheitsfehlern leidet (zu viele Elemente, die zu wenig erläutert werden, scheinbar unbedeutende Zwischenspiele, generell bleibt einfach zu viel offen und ungesagt), aber dennoch spannend zu lesen ist und Lust auf mehr macht. Trotz des gewaltigen Umfangs bleiben Handlung und Charaktere überschaubar, wodurch man der Geschichte leicht folgen kann, auch wenn sie in einer sehr komplexen Welt spielt. Ich werde die Reihe jedenfalls gerne weiterverfolgen. Wer auf High-Fantasy steht und sich gerne in detailverliebten fantastischen und fremden Welten verliert, der sollte auf jeden Fall mal einen Blick riskieren! 




Titel: Der Weg der Könige (Originaltitel: The Way of Kings)
Reihe: Die Sturmlicht-Chroniken, Band 1 (im Deutschen zweigeteilt)
Autor: Brandon Sanderson
Verlag: Heyne (2011, englische Erstauflage 2010)
Format: Gebunden mit Schutzumschlag, 896 Seiten
ISBN: 978-3-453-26717-6
Preis: €21,99
Link zum Verlag: http://www.randomhouse.de/Buch/Der-Weg-der-Koenige-Roman/Brandon-Sanderson/e368702.rhd

Kommentare:

  1. Hach ja, das Buch liegt auf Deutsch mit seinem Folgeband auf dem SuB. Der im Deutschen ja auch wieder aufgeteilte Band 2 ist mittlerweile erschienen, aber vielleicht warte ich noch länger ab. Ich würde da gerne (bei Bedarf) mehrere Bände hintereinanderlesen. Irgendwo hatte ich mal gesehen, dass es (?) 10 Bände oder so werden sollen? Hmm, da kann ich lange darauf warten. Aber mal sehen, irgendwann siegt wahrscheinlich die Neugier.

    Mit dem schwierigen Einstieg kann ich mir gut vorstellen, dass ist mit seinen High Fantasy Büchern ja oft so. Die Kunst wäre ja, diese Phase so kurz wie möglich zu halten. Bin auf jeden Fall gespannt!

    Liebe Grüße,
    Tina

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    1. Na wenn du noch länger wartest, dann hast du aber einiges vor dir ^^ Die ersten 3 (Teil-)Bände haben zusammen ja schon über 2000 Seiten ;) Aber ja, sollen wohl 10 werden (also im Englischen), das hab ich auch so gelesen.

      Ich denke mal, der schwere Einstieg lag vor allem daran, dass er zu viel ungeklärt lässt und dauernd mit neuen Begriffen um sich wirft, die der Leser noch nicht kennt. Das hätte man durch ein paar kurze, erklärende Sätze verhindern können, und auch so wäre das "Fantastische" der Welt nicht verloren gegangen. Aber naja, bin mal gespannt, wie es weiter geht :)

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