Sonntag, 9. November 2014

[Rezension] Fahrenheit 451 (Ray Bradbury)

Heute darf ich einen Klassiker vorstellen, den sicher viele von euch schon in der Schule behandelt haben, denn er rangiert auf einer Ebene mit Werken wie "1984" von George Orwell, "Brave New World" von Aldous Huxley" oder das hierzulande (zu Unrecht) eher weniger bekannte "Wir" von Jewgenij Samjatin, und das nicht nur literaturhistorisch gesehen, sondern auch thematisch. 1951 erschienen, zeichnet es eine düstere Dystopie, in der das Besitzen von Büchern ein schweres Verbrechen ist.

http://books.simonandschuster.com/Fahrenheit-451/Ray-Bradbury/9781451673319

Fahrenheit 451 - oder 451 Grad Fahrenheit - das ist die (angebliche) Temperatur, bei der Papier sich selbst entzündet (hier gibt es einige Unstimmigkeiten, da zwar Papier aus Viskose bei ca. 450° Feuer fängt, dies sind jedoch Grad Celsius, nicht Fahrenheit, und Bücher werden gemeinhin nicht aus Viskose hergestellt). Der Titel passt also zum Protagonisten der Geschichte, Guy Montag, der in einer unbestimmten amerikanischen Stadt und in einer unbestimmten Zukunft (vermutlich um die Mitte des 21. Jhs.) dem Beruf des Feuerwehrmannes nachgeht. In dieser Zukunft ist die Feuerwehr jedoch nicht mehr dafür zuständig, Brände zu löschen, sondern diese zu verursachen, genauer gesagt um Bücher ausfindig zu machen und diese zu verbrennen, da sie als gefährlich für die Gesellschaft angesehen werden und daher verboten sind. 
Die Ironie kommt hier im englischen Original besser zur Geltung, denn die "firemen", denen Guy angehört, sind wörtlich übersetzt ja auch die "Feuermänner", so lässt sich im Englischen viel besser die Brücke schlagen vom fireman heute (die englische Übersetzung von Feuerwehrmann), der Brände bekämpft, zum fireman, der Bücher verbrennt. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie die Deutsche Fassung Guys Beruf bezeichnet, aber Feuerwehrmann trifft die zynische Bezeichnung Bradburys für die Bücherverbrenner nicht wirklich.

Guy jedenfalls verbrennt Bücher, und die Wohnung der Besitzer gleich mit (manchmal sogar diese selbst, wenn sie nicht fliehen wollen), und dies tut er schon seit über 10 Jahren. Groß nachdenken will er nicht über dieses Unterfangen, denn in Bradburys Zukunft sind die Menschen durch Drogen, Unterhaltung und Dauerbeschallung aus Radio und Fernsehen so abgestumpft, dass sie Dinge nicht hinterfragen und mit ihrem Leben voll zufrieden sind. Selbst ein drohender Krieg wird von niemandem als besonders furchteinflößend empfunden, denn "es trifft ja immer nur die Ehemänner der anderen Frauen, niemals einen selbst", wie eine Nachbarin der Montags es formuliert.
Doch als Guy die aufgeweckte junge Clarisse kennenlernt, die ihn durch Begegnungen mit der Natur und philosophische Fragen zum Nachdenken anregt, und gleichzeitig seine Ehefrau einen Selbstmordversuch unternimmt, wird er aufgerüttelt und fängt an, Dinge zu hinterfragen - in einer Zeit, in der das Denken als staatsfeindlich angesehen wird, eine gefährliche Eigenschaft ...

Mit gerade einmal 158 Seiten ist "Fahrenheit 451" ein aufs Wichtigste reduzierter Roman, ob der Kürze fast schon eine Novelle, der sich mit Guy Montags Aufeinandertreffen mit dem System einer staatlich auf die Spitze getriebenen Zensur beschäftigt.
Viel erschreckender als die Zukunft, die Bradbury in seinem Roman malt, erscheint aber der Weg, den seine Gesellschaft genommen hat, um überhaupt so weit zu kommen. Denn hier tun sich bedauerliche Parallelen zu unserer heutigen Zeit auf, wenn Guys Vorgesetzter beispielsweise erklärt, wie es dazu kommen konnte, dass die Menschen immer apathischer und Bücher bald gänzlich verboten wurden:
School is shortened, discipline relaxed, philosophies, histories, languages dropped, English and spelling gradually neglected, finally almost completely ignored [...] why learn anything save pressing buttons [...]?
So wie Orwell die totale staatliche Überwachung kritisierte, die heute schon fast allgegenwärtig ist, so zeichnete Bradbury schon vor 60 Jahren das Bild einer Gesellschaft, der wir heute immer ähnlicher werden. (Alte) Sprachen und Kulturwissenschaften verschwinden immer mehr aus den Lehrplänen, während Unis Kooperationen mit der Wirtschaft eingehen und die Lehrinhalte an "gesellschaftlich nützliche" Berufe anpassen. Kaum ein Schulabgänger (egal ob Hauptschule oder Gymnasium) beherrscht heute noch korrekte Rechtschreibung und Grammatik, viele können sich nicht einmal mehr richtig in der deutschen Sprache ausdrücken. Bücherlesen ist sowieso schon seit längerer Zeit "out" und man bekommt seine Infos nur noch aus der Bild-Zeitung oder den RTL2-News, Klassiker der Weltliteratur kennen viele nur noch aus rasanten Hollywood-Verfilmungen ("classics cut to fit fifteen-minutes radio shows", wie Guys Vorgesetzter es ausdrückt).

Genau deshalb ist "Fahrenheit 451" auch so ein lesenswertes Buch. Nicht wegen der Handlung, die aber auch spannend und kurzweilig auf den Punkt gebracht ist, sondern wegen der Lehren, die sich aus der Geschichte ziehen lassen und dem düsteren Bild, das Bradbury uns hier vor Augen führt und dem wir uns in den letzten 60 Jahren leider schon ein gutes Stück genähert haben. Die Sprache des Romans mag an manchen Stellen ein wenig verwirrend wirken, besonders in den Gesprächen zwischen Guy und seiner Frau, doch illustrieren diese meist belanglosen Dialoge, in denen beide aneinander vorbei zu reden scheinen, nur den Realitätsverlust der Menschen in Guys Umwelt, die völlige Belanglosigkeit der Kommunikation, die Guy schließlich auch dazu bringt, sich gegen das System zu stemmen.

Ich gebe "Fahrenheit 451" 4 von 5 Punkten, da das Buch für heutige Leser vielleicht etwas holprig wirkt, der Schreibstil und der Aufbau der Geschichte sicher nicht für jedermann überzeugend sind, die Botschaft aber nach wie vor sehr aktuell und das Buch damit immer noch lesenswert ist, vielleicht heute mehr denn je. Daher auch ein klarer Lesetipp von mir für alle, die das Buch noch nicht kennen - sollte man nicht nur gelesen haben, weil es zum Literaturkanon gehört, sondern weil es zum Nachdenken über die Gesellschaft und ihre Entwicklung anregt.




Titel: Fahrenheit 451
Autor: Ray Bradbury
Verlag: Simon & Schuster (2013, Erstausgabe 2012)
Format: Paperback, 176 Seiten
ISBN: 978-1-4516-9031-6
Preis: ca. 5€
Link zum Verlag: http://books.simonandschuster.com/Fahrenheit-451/Ray-Bradbury/9781451673319

Kommentare:

  1. Deine Rezension gefällt mir unglaublich gut! Die Aktualität des Buches ist wirklich unglaublich; ich meine, Bradbury schrieb es vor über 60 Jahren und jetzt merke ich immer öfter, wie meine kleine Schwester bei ihrer Oma nur noch apathisch vor dem Fernseher sitzt (die Fernseher, die immer größer werden und manchmal sogar schon Wände sind) und nicht mal mehr auf uns reagiert. Es ist so erschreckend.
    Wirklich, eine wunderbare Rezension!

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    1. Ja, es ist leider sehr beängstigend. Und auch so traurig, weil wir hier ein Buch haben, in dem die Menschen schon vor zig Jahren gelesen haben und vermutlich genau so, wie wir heute über den Klimawandel oder die Umweltzerstörung denken "So ein Quatsch, das kann doch gar nicht sein!", gedacht haben, dass es nie eintreten wird. Und dennoch ist es genau so gekommen. Es ist so deprimierend, wie der Mensch einfach nichts lernt, bis es zu spät ist. Immer muss es erst zum aufrüttelnden GAU kommen, wie bei Bradbury der Krieg, der alles wieder auf Null setzt.

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  2. Tolle Rezension! Und erschreckend, wie übertragbar der Inhalt auf die heutige Gesellschaft ist! Dystopien sind eigentlich gar nicht mein Ding (zumindest denke ich das), aber so als "Klassiker verpackt" lohnt es sich bestimmt.
    Ist das Englisch denn schwer zu verstehen? Nach deinen Bedenken bezüglich der deutschen Übersetzung erscheint es mir schlüssiger, das Buch direkt auf Englisch zu lesen. Wäre zumindest auch mal gut für mein Vorhaben, mehr englische Bücher zu lesen...

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    1. Ich bin eigentlich auch nicht so der Fan "moderner" Dystopien, aber die Klassiker mag ich dennoch, gerade auch weil es interessant ist, die Zukunftsvorstellung von damals an der heutigen Gesellschaft zu messen.
      Wenn du nicht so ganz im Englischen drin bist, könnte es in der Tat etwas schwer verständlich sein, da Bradbury viele Gedankensprünge macht und man leicht den Faden verlieren kann.
      Wenn ich mich nicht irre, müsste es dazu aber auch eine Reclam-Ausgabe mit Übersetzungshilfen geben! Und ich denke mal, so insgesamt kann man das Buch auch gut auf Deutsch lesen, da es hier ja weniger um die Sprache des Textes als um seine Botschaft geht :)

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    2. So eine Reclam-Ausgabe wäre natürlich super. Da muss ich mich mal auf die Suche begeben. Ich will mich ja nicht immer von der englischen Sprache abhalten lassen. "Theoretisch" muss ich die ja auch gut drauf haben...

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  3. Ich finde den Film sehr toll - so futuristisch!

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