Sonntag, 2. November 2014

[Rezension] Das Haus der vergessenen Bücher (Christopher Morley)

Es passt eigentlich ganz gut, wenn ich die heutige Rezension mit einem Zitat beginne:
Das sogenannte gute Buch gibt es nicht:. Ein Buch ist nur dann »gut«, wenn es menschlichen Hunger stillt oder einen menschlichen Irrtum widerlegt.
-Roger Mifflin, Buchhändler
Denn heute gibt es, und da greife ich gleich mal vorweg,  genau ein solches Buch zu besprechen. Mit seinem Roman "Das Haus der vergessenen Bücher" schuf Christopher Morley kurz nach dem ersten Weltkrieg eine wunderschöne Ode an die Welt der Bücher, aber auch an die Buchhändler, die tagtäglich mit diesen zu tun haben. Mit der Neuauflage 2014 durch den Atlantik Verlag rückt dieses Buch nun zu Recht wieder in den Blick der Leser.

http://www.atlantikverlag.de/christopher-morley-das-haus-der-vergessenen-buecher/

Und ich lehne mich einfach mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass so ziemlich jeder Bibliophile (oder Bibliomane, wie Morley sie auch nennt) Gefallen an diesem wunderbaren Stück Literatur finden wird ...
Die Geschichte spielt zur Zeit ihrer Entstehung, also 1919 kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges, in der US-Stadt New York, genauer in Brooklyn, wo Roger Mifflin eine antiquarische Buchhandlung betreibt. Und was das für eine Buchhandlung sein muss! Schon das Schild am Eingang weist darauf hin, dass es hier nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, denn dort ist - für jeden Kunden sichtbar - zu lesen, dass es hier spukt. Was es damit auf sich hat, dazu später mehr. Erst einmal zur Handlung:

Eines Tages betritt der Werbefachmann Aubrey Gilbert die Buchhandlung Mifflins, um diesen davon zu überzeugen, doch in Werbung für seinen Laden zu investieren. Aber zu einer Zeit, als es noch kein Internet gab und Fernsehen und Kino noch in den Kinderschuhen steckten, prallen bei diesem Gedanken Welten aufeinander, zumindest für Roger Mifflin. Im Folgenden entfaltet sich folgerichtig ein intellektueller Schlagabtausch, bei dem Aubrey schnell merkt, dass Roger Mifflin eine ganze eigene Sicht auf die Dinge hat, besonders was Bücher und Literatur anbelangt. Doch die beiden finden Gefallen aneinander und Aubrey kommt auf den Geschmack der Literatur. Als er dann auch noch die junge Unternehmerstochter Titania trifft, die bei Mifflin gerade eine Ausbildung anfängt, ist es völlig um ihn geschehen und er ist kaum noch aus der Buchhandlung weg zu bekommen. Doch während Aubrey versucht, Titania näherzukommen, geschehen merkwürdige Dinge in Mifflins Buchhandlung, denn Bücher verschwinden plötzlich von ihrem Platz und tauchen woanders wieder auf, seltsame Begegnungen häufen sich und schließlich werden unsere Protagonisten sogar in einen waschechten Spionagefall hineingezogen!

Klar ist also, dass auf den knapp 250 Seiten keine Langeweile aufkommen dürfte und es allerlei spannende und rätselhafte Momente gibt. Doch, und das finde ich sogar selbst merkwürdig, während ich es schreibe, ist die Haupthandlung eigentlich nur Nebensache in diesem Buch. Was mich wirklich begeistert hat beim Lesen, waren die ständigen Anekdoten und Zitate, die Mr. Mifflin über das Gewerbe des Buchhändlers und Bücher an sich ersinnt. Roger Mifflin liebt Bücher, und das merkt man an jeder Zeile, die über ihn zu lesen ist. Er spricht so wunderbar liebevoll über Bücher, dass man eigentlich eine ganze Zitatesammlung nur über diesen Roman verfassen könnte. Manchmal etwas naiv in seiner Weltsicht, aber dennoch immer treffend erläutert er die Welt der Literatur, und hier hat Morley einige wirklich zauberhafte Sätze über das Buch ersonnen, von denen ich als Appetitanreger nach dem Eröffnungszitat weiter oben zumindest noch einen zitieren möchte:
Druckerschwärze und Schießpulver liefern sich seit vielen, vielen Jahren einen Wettkampf. Die Druckerschwärze ist in gewisser Weise im Nachteil, denn mit Schießpulver kann man einen Menschen in einer halben Sekunde in die Luft jagen, während man mit einem Buch manchmal zwanzig Jahre dafür braucht. Aber das Schießpulver zerstört sich zusammen mit seinem Opfer selbst, während ein Buch über Jahrhunderte hochexplosiv sein kann.
Man merkt gleich, dass Mifflin und damit Morley hier den Gegensatz zwischen Krieg und Vernunft - die sich in der Lektüre aufrüttelnder Bücher widerspiegelt - thematisiert, und dies passiert im Laufe des Buches immer wieder, da sowohl Autor als auch Figur stark von den Eindrücken des erst kürzlich überstandenen großen Krieges beeinflusst sind und sich oft damit auseinandersetzen, besonders im Hinblick auf die Literatur. (Es ist im Nachhinein aber sehr traurig zu lesen und es macht einen nachdenklich, wie Mifflin seine Hoffnung darauf legt, dass die Menschen durch das Lesen endlich begreifen, dass niemals wieder so ein großer Krieg stattfinden darf wie der, den sie alle gerade erst überstanden haben. Traurig deshalb, weil man als heutiger Leser genau weiß, wie die Geschichte weiter verlief, dass dies alles nur Wunschdenken war, dass es noch schlimmer kommen sollte und gerade jene Literatur, die für Morley den Frieden bringen sollte, unter dem Nationalsozialismus nur wenige Jahre später auf dem Scheiterhaufen landen würde - gerade auch deswegen ist das Buch auch heute immer noch aktuell!)

Aber Morleys Figuren setzen sich auch ganz anders mit der Literatur auseinander, wobei ein wunderschönes bibliophiles Zitat dem nächsten folgt, und so ist es sehr interessant und auch lustig zu lesen, wie Mifflin beispielsweise propagiert, der Buchhändler sollte ein Staatsdiener sein und eine entsprechende Pension bekommen, da er einen Dienst am Volke verrichte - eigentlich ein sehr schöner Gedanke, stelle man sich doch nur mal eine Welt vor, in der es zum Staatsauftrag gehört, den Menschen gute und sinnvolle Literatur näher zu bringen. Schlechter wäre diese Welt sicher nicht.
Und als Mifflin dann gesteht, er habe nie Shakespeares King Lear gelesen, einzig aus dem Grund, dass er sich bei einer schweren Krankheit sagen könnte "Du hast den King Lear noch nicht gelesen, du darfst noch nicht sterben!", dann rührt das das Herz eines jeden Buchliebhabers, der das sicher sehr gut nachvollziehen kann. Und so sind es auch die Geister der ungelesenen Bücher, die in Mifflins Buchhandlung spuken, und sie können nur dadurch zu ihrer Ruhe gebracht werden, dass ihre Bücher endlich gelesen werden.

Ich würde am liebsten das komplette Buch zitieren, so schöne Dinge schreibt Morley über Bücher, aber dann würde erstens diese Rezension viel zu lang und ihr hättet außerdem keinen Grund mehr, das Buch selbst zu lesen ...

Wer jetzt also noch nicht überzeugt ist, das Buch lesen zu müssen, dem kann ich auch nicht helfen - eine schöne, spannende Story, höchst liebenswerte Charaktere, wunderbare Sätze und Gedanken über die Literatur und auch eine ganze Menge Zitate aus dieser machen "Das Haus der vergessenen Bücher" zu einem Muss für jeden Bücherfreund, und für Buchhändler sowieso. Darum gibt es von mir auch voll 5 Punkte und eine klare Leseempfehlung!



Vielleicht noch ein kleines Wort der Warnung: Da der Roman 1919 spielt und auch geschrieben wurde, wird natürlich vorwiegend ältere Literatur zitiert, die dem modernen Leser oft (leider!) vermutlich gar nichts oder nur dem Namen nach etwas sagt - ich will mich da nicht ausschließen und kannte auch nicht alle Werke, aber das mindert die Lesefreude keineswegs. Anscheinend, wie ein kurzes Nachwort verrät, sind manche Werke auch nur Erfindung des Autors.

Und ein ganz besonderer Dank geht noch an den Atlantik Verlag für den netten Kontakt und die Übersendung eines Rezensionsexemplars! Außerdem stellt uns der Verlag ein Paket bestehend aus dem Buch und einigen weiteren schönen Dingen zur Verfügung, das ihr im Rahmen der Blogger-Adventsaktion im Dezember hier bei mir auf dem Blog für einen guten Zweck ersteigern könnt!


Titel: Das Haus der vergessenen Bücher (Originaltitel: The Haunted Bookshop)
Autor: Christopher Morley
Verlag: Atlantik (2014, Erstausgabe 1919)
Format: Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten
ISBN: 978-3-455-60012-4
Preis: €18,00
Link zum Verlag: http://www.atlantikverlag.de/christopher-morley-das-haus-der-vergessenen-buecher/

1 Kommentar:

  1. Hallöchen :)
    ich habe einen Beitrag mit Blogempfehlungen gemacht und du bist auch dabei. Ich würde mich freuen, wenn du vorbei schaust und mir ein kleines Feedback da lässt.:)
    Liebe Grüße,
    Nicki

    http://nickisbuecherwelt.blogspot.de/2014/11/blogempfehlungen-03.html

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