Sonntag, 16. November 2014

[Rezension] Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? (Andreas Hock)

Wer mich ein bisschen näher kennt, der weiß, dass ich mitunter auch gerne mal als Verfechter unserer schönen deutschen Sprache in die Bresche springe, sofern Not am Mann ist (und manchmal auch, wenn dem nicht so ist). Entsprechend kalt lief es mir auch den Rücken hinunter, als ich in der Buchhandlung ein Werk mit dem provokativen Titel "Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?" liegen sah. Als studiertem Germanisten rollen sich bei diesem Satz natürlich gleich mehrfach die Fußnägel hoch. Umso interessierter war ich dann auch, auf was für eine linguistische Reise Autor Andreas Hock uns mit diesem kleinen Büchlein, dessen Cover ein vor Unwillen bereits grün angelaufener Goethe ziert, mitnehmen will.

https://www.m-vg.de/riva/shop/article/3333-bin-ich-denn-der-einzigste-hier-wo-deutsch-kann/

So viel sei gleich zu Anfang verraten: Wer am Titel des Buches nichts Auffälliges findet, der gehört eindeutig zu der Gruppe Menschen, die das Buch unbedingt einmal lesen sollte. Aber andererseits wäre da vermutlich sowieso schon Hopfen und Malz verloren, wie Hock wohl sagen würde ... aber lest selbst, ob dieses Buch etwas für euch sein könnte!

Andreas Hock nimmt uns in seinem Buch mit auf eine Reise durch die (vorwiegend jüngere) Geschichte der deutschen Sprache. Im Laufe dieser Reise zeigt er anhand vieler Beispiele die Gründe für ihren "Niedergang" auf. Dies geschieht in Form kürzerer Kapitel von durchschnittlich drei oder vier Seiten Länge, die das ihnen zugrunde liegende Problem jeweils mit "Weil wir ..." einleiten und in größtenteils chronologischer Abfolge die Ursachen des Sprachverfalls herausstellen: Von "Weil es in Preußen zu viele Beamte gab" über "Weil Fußballer zu sprechen begannen" bis hin zu "Weil Bushido und Kollegas Erfolg hatten" führt Hock uns auf humoristische Weise durch die Irrungen der deutschen Sprachgeschichte und nimmt dabei auch kein Blatt vor den Mund.

So zieht er nicht nur über die modernen Politiker her, die viel reden, dabei aber nichts sagen, und die "Gangsterrapper", deren Sprachgefühl oder vermutlich eher der Mangel desselben vermutlich keiner Erklärung bedarf, sondern auch über die Eltern, die ihre Kinder mit den unmöglichsten Doppelnamen bestrafen und das deutsche Fernsehen, das sich in seinem Bestreben, die Bevölkerung zu verdummen, immer wieder selbst übertrifft. Zitiert sei hier beispielsweise der wunderbar polemische Satz:
"Das größte Problem war, dass das Privatfernsehen irgendwann den Idioten in unserem Land ein riesiges Forum gab – und augenscheinlich gab es deutlich mehr Idioten, als wir dachten."
In diesem Sinne erfahren wir im Laufe der knapp 185 Seiten auf unterhaltsame Art, welchen (negativen) Einfluss das Preußische Beamtentum, Adolf Hitler, die Hippiebewegung, Rudi Carell, Bushido und viele andere auf das Deutsche hatten, warum die Rechtschreibreform ihr mehr geschadet als geholfen hat und welchen Beitrag die FeministInnen (ich hoffe, ich habe das nun richtig genderneutral geschrieben?) zur Sprachverdummung hatten. Langeweile kommt bei der Lektüre dieses Buches nicht auf, und man muss ganz sicher kein Sprachwissenschaftler sein, um gut unterhalten zu werden und an vielen Stellen laut lachen zu können. Ganz im Gegenteil, gerade Linguisten oder Leser, die sich schon näher mit der Sprachgeschichte beschäftigt haben, werden hier rein inhaltlich wenn überhaupt nur wenig Neues finden, aber die Präsentation der Informationen ist dennoch sehr lesenswert und Hock trifft, wie am obigen Zitat zu sehen ist, den Nagel mit seiner unverblümten Art immer wieder perfekt auf den Kopf.

Vor allem gefallen haben mir die Seitenhiebe auf das Schulsystem, das leider in der Tat nur die wenigsten jungen Menschen für Literatur zu begeistern weiß, und die Exkursion über das Schreiben von Briefen, von dem ich persönlich ebenfalls sehr enttäuscht bin, dass es inzwischen so außer Mode gekommen ist.

Ein bisschen schade fand ich, dass Hock mitunter recht unreflektiert zu Werke geht und zwar einen Feldzug gegen den "Niedergang" der deutschen Sprache unternimmt, jedoch nicht beziehungsweise nur ganz am Rande darauf hinweist, dass Sprache schließlich ein lebendiges Konstrukt und damit seit ihrer "Erfindung" ständig im Wandel begriffen ist, so dass man eigentlich nicht von einem Niedergang sprechen kann, denn dieser Begriff ist wertend und wird in keiner ernstzunehmenden sprachwissenschaftlichen Publikation zu finden sein. Es kann also höchstens die private Meinung Hocks sein, die sicher viele (ich auch!) teilen, aber das hätte er zumindest am Rande klarstellen sollen. Nur in den ersten Kapiteln wird kurz angedeutet, wo die deutsche Sprache eigentlich her kommt und was für Einflüssen sie auch schon früher unterlegen war, so dass es ziemlich schwierig ist, überhaupt eine "deutsche" Sprache zu definieren, die nun im Niedergang begriffen sein soll.
Zudem schreibt der bekannte Autor und Literaturkritiker Hellmuth Karasek in seinem Vorwort zu Hocks Buch zwar davon, dass Hock seinen "Bildungsauftrag voll erfüllt", das würde ich aber bei weitem nicht unterschreiben, denn meist prangert Hock nur an, ohne dass der Leser erfährt, wie man es eigentlich richtig zu machen habe. Dies passiert nur in wenigen Fällen wie beim sogenannten "Deppenapostroph" (das Hock aber leider nicht mit diesem schönen Begriff benennt), und ich hätte mir gewünscht, dass der Leser auch an anderer Stelle erfahren hätte, was genau er eigentlich falsch macht. Hier hätte man auf lustige Weise viele nützliche Informationen vermitteln können
Ein wenig merkwürdig (ironisch?) fand ich hingegen die Tatsache, dass Hock gleich an mehreren Stellen das gute alte "Sinn machen" gebraucht, und zwar ernsthaft, nicht selbstironisch – konsequent ist anders, Herr Hock! ;-)

Nun aber genug der Didaktik, denn in erster Linie soll "Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?" sicher unterhalten, und das tut es vorzüglich. Am besten gefallen hat mir übrigens die Auflistung der heute (leider) kaum noch verwendeten Wörter im Anhang des Buches, komplett mit Vorschlägen, wie diese in die heutige (Jugend-)Sprache integriert werden könnten.
Dort finden sich solche Perlen wie das Wort "frischauf" mit dem Anwendungsbeispiel "Der Spast liegt schon am Boden, also frischauf, Leute, macht ihn kaputt." oder "hinfort" in der Anwendung "Hinfort mit dir, sonst kriegst du eins aufs Maul, du Opfer!" oder auch das schöne Wort "Ränke", das so benutzt werden könnte: "Ey, die Ränke zahl ich dir heim, du Hemd!". Wenn die ganzen Oberchecker wirklich so reden würden, wäre Straßenbahnfahren heute viel unterhaltsamer!

Obwohl ich Hock in vielen Punkten zustimme, bleibt dennoch zu wiederholen, dass es sich bei diesem Buch um nichts anderes als rein subjektive Satire auf die Entwicklung unserer Sprache handelt, und so sollte es auch gelesen werden. Wissenschaftlich fundiert und ernst gemeint ist das Ganze sicher nicht, und das sollte eigentlich keiner Erklärung bedürfen. Doch wenn ich in den Amazon-Bewertungen lese, das Buch sei "volksverhetzender Rassismus", dann muss man es vielleicht besser doch noch mal ausdrücklich erwähnen ...

Als Fazit bleibt zu sagen, dass "Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?" ein sehr kurzweiliges und unterhaltsames kleines Buch ist, das auf spaßige Art und Weise die Irrungen und Wirrungen unserer Sprache präsentiert und auf die Schippe nimmt. Neben der lustigen Präsentation können einige sicher auch noch etwas aus Hocks Ausführungen lernen, aber selbst wenn einem dies alles schon bekannt sein sollte: So gekonnt, wie Hock hier verbal mit Rappern, Politikern und Werbefachleuten abrechnet, ist das Buch so oder so lesenswert! Einen kleinen Abzug in der Bewertung gibt es für die verpasste Chance, einiges richtig zu stellen, und für die unreflektierte Betrachtungsweise, die meiner Meinung nach zumindest ein paar Sätzen der Erklärung bedurft hätte. Daher also 4 von 5 Punkten und eine klare Leseempfehlung für alle, egal wie gut denen ihr Deutsch auch sein tut!



Titel: Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache
Autor: Andreas Hock
Verlag: riva (2014)
Format: Taschenbuch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-86883-443-7
Preis: €14,99
Link zum Verlag: https://www.m-vg.de/riva/shop/article/3333-bin-ich-denn-der-einzigste-hier-wo-deutsch-kann/

Kommentare:

  1. Hahaha, der Titel ist einfach mal zu göttlich. Das sind genau die Wörter, bei denen ich mich immer echt anstengen muss andere nicht zu verbessern, weils meistens wohl auch nur verlorene Lebensmüh ist. Klasse, dass du dir das ganze Buch zu Gemüte geführt hast, es weckt mein Interesse, aber ich glaube für 180 Seiten Sprachgeschichte reizt mich das Thema dann doch zu wenig.

    Liebe Grüße,
    Tina

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    1. Hi Tina,

      wie gesagt, das Buch hat mit Wissenschaft wenig zu tun, daher würde ich dir auf jeden Fall mal einen Blick empfehlen, denn es ist sehr kurzweilig geschrieben :)

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  2. Sehr schön beschrieben und ich lach immer noch :).

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  3. Wieso volksverhetzender Rassismus? Ich habe eine chinesischer Mutter und kann trotzdem besser deutsch als manche meiner Klassenkameraden, daran kann's also nicht liegen ;-)
    Das Buch hört sich wirklich nach einem Buch an, das mir gefallen könnte :-)

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  4. Das klingt ja sehr interessant, vor allem die Vorschläge für den Gebrauch veralteter Wörter :D
    Hast du denn auch Bastian Sicks Bücher gelesen? Dort gibt es nämlich das, was dir hier fehlt - Erklärungen, wie es richtig geht.

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    1. Nein, von Sick habe ich noch nichts gelesen, das war doch der mit "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", oder? Ich bekomme aber allgemein schon genug von den Verwirrungen der deutschen Sprache mit im Alltag, da muss ich auch nicht andauernd etwas dazu lesen ^^
      Aber vielleicht irgendwann wirklich mal, die Bücher sind total an mir vorbeigegangen bisher ...

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    2. Ja genau, das ist er. Das mit dem Alltag kenne ich nur allzu gut. Aber wenn du mal wieder etwas in die Richtung lesen willst, kann ich dir die "Dativ"-Bücher nur empfehlen, da sie wie gesagt auch viele Erklärungen bieten.

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  5. Ich besuche momentan ein Seminar zum Thema Sprachkritik, in dem wir über genau dieses "Phänomen" sprechen: deutscher Sprachverfall. Das Buch würde daher perfekt passen ;)
    Liebe Grüße, KQ

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  6. Also. Erst habe ich Digitale Demenz von Manfred Spitzer erworben. Ein Tag später griff ich dann aber auch schon zu dem hier rezensierten Büchlein. Ich sah es im Buchhandel bei den "Topsellern" aufgestellt und musste wegen dem Titel allein schon für mich lachen. Habe das Buch stück für stück im Bus gelesen, weshalb es schon schwer war, über das was man laß eben nicht zu lachen. Für jene, die den geistigen Abstieg der modernen Welt verstehen wollen, sei das erste Buch - das auf der Gehirnwissenschaft fußt - genannt. Und für jene, die das in einer unterhaltsamenweise vorgeführt bekommen wollen, passt das vom Hock. Auch beide zusammen ergeben ein leider realistisches Bild über den geistigen Niedergang. Welcome to Idiocracy. Danke für die Rezension! :D

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