Donnerstag, 20. November 2014

[Rezension] Aquarius (Thomas Finn)

Das Meer ist für uns Menschen schon seit Anbeginn der Zeit ein geheimnisvoller und oft auch erschreckender Ort. Viele Mythen ranken sich darum, und auch heute noch liegen in den Weltmeeren so viele Dinge sprichwörtlich im Dunkeln, dass sich die Autoren immer wieder gerne dieses Themas bedienen. So auch Thomas Finn in seinem neuen Roman "Aquarius", der den Leser schon gleich auf dem Klappentext mit den knappen Sätzen "Das Meer ist unruhig. Und es ist wütend." auf den schaurigen Mystery-Thriller einstimmen will.

http://www.piper.de/buecher/aquarius-isbn-978-3-492-70337-6

Die Vorschau verspricht einen spannenden Mix aus historischen Fakten, Mythologie und Action, der sich gar nicht schlecht anhört. Aber kann das Buch halten, was es verspricht?

Kurz zum Inhalt: Schon der Klappentext weist darauf hin, dass im eigentlich recht beschaulichen (erfundenen, an der Nordsee gelegenen) Fischerdorf Egirsholm plötzlich einiges los ist. Unerklärliche Todesfälle lassen die Polizei im Dunkeln tappen - denn wie bitteschön kann ein Mensch mitten auf dem Land in einer Telefonzelle ertrinken? Und vor der Küste explodiert bei Bergungsarbeiten unter Wasser eine alte Seemine. Bei diesem Unfall kommt der Bergungstaucher Jens Ahrens auch nur knapp mit dem Leben davon - und wie das passiert ist, weiß er selbst nicht. Denn er wacht plötzlich weit von der Unfallstelle entfernt an einem Strand auf, und als er sich noch fragt, was eigentlich passiert ist, wird er schon gleich Opfer einer Entführung. So viel in diesen ersten Seiten des Romans auch schon passiert, es ist für Jens Ahrens erst der Beginn einer rasanten Geschichte, die noch allerlei Merkwürdiges und Gefährliches für ihn bereithalten wird.

Gleich vorweg, ohne groß spoilern zu wollen, aber ein Wort der Warnung sei angebracht: Wer nichts mit Mystischem und Fantastischem anfangen kann, der sollte seine Finger von "Aquarius" lassen, denn es geht hier nicht alles mit rechten Dingen zu, und Leser, die einen glaubwürdigen und realistischen Roman erwarten (im Sinne davon, dass alles rationell zu erklären ist), werden sicherlich enttäuscht sein!

Die kurze Beschreibung oben lässt für alle anderen schon erahnen, dass es in "Aquarius" ordentlich zu Sache geht, und das ist in der Tat auch der Fall. Bis zum Ende wird der Spannungsbogen aufrecht gehalten und das Tempo des Buches verliert kaum an Fahrt. Eine überraschende Wendung jagt die nächste und die Actionszenen reihen sich buchstäblich aneinander. Das Buch bleibt also von vorne bis hinten spannend, so viel kann ich schon einmal verraten. Der Erzählstil ist flüssig, von einigen kleinen Ausrutschern abgesehen, wenn sich der Autor in Belanglosigkeiten verliert (wenn er dem Leser z.B. erklärt, was Geocaching ist, was die allermeisten sicher heute wissen dürften) und das Buch ist sehr kurzweilig geschrieben, so dass man es recht schnell durch haben dürfte. Dazu gibt es auch noch ein paar historische Fakten (z.B. über den Universalgelehrten Hans Momsen), die gut recherchiert erscheinen und der Handlung so ein historisches Ambiente geben, was mir gut gefallen hat.

Leider ist jedoch nicht alles an "Aquarius" so positiv ausgefallen. Denn der Roman leidet an ein paar Dingen, die das Lesevergnügen für mich doch etwas abgeschwächt haben. Zum einen wären da die Charaktere, die ich allesamt nicht sonderlich überzeugend fand. Vor allem der Haupt-Protagonist Jens Ahrens hat sich mir einfach nicht recht erschlossen. Er war zwar mal Marinetaucher und ist vermutlich ein recht harter Kerl, doch wie stoisch und unberührt er jede noch so heikle und überraschende Situation meistert, wirkt doch ziemlich unglaubwürdig. Der Tod eines Freundes geht ihm nicht wirklich nahe, obwohl der Autor noch darauf hinweist, dass die beiden sich nahe standen. Gefühle kommen hier dennoch kaum auf. Eine Szene veranschaulicht die Teilnahmslosigkeit des Helden sehr gut: Zusammen mit einer Begleiterin wird er erbarmungslos gejagt, sie hetzen um ihr Leben und schaffen es gerade so in eine vermeintlich sichere Zuflucht. Seine Begleiterin fragt ihn angsterfüllt: "Sind wir hier sicher?". Und er zuckt lakonisch mit den Schultern. Das wirkt eher unfreiwillig komisch, illustriert aber ganz gut, dass Jens eigentlich immer unerklärlich cool bleibt und alle Schicksalsschläge und Verletzungen einfach so weg steckt, nur um sich gleich in die nächste gefährliche Situation zu werfen.
Ein anderer Punkt sind die Dialoge. Diese sinken immer wieder auf das Niveau von Soap-Operas wie GZSZ und wirken dadurch ebenfalls ungewollt komisch. Wenn z.B. einer der Bösewichte beim Anblick von Jens zu seinem Kumpanen sagt "Natürlich ist er das, oder glaubst du, vor uns liegt der Weihnachtsmann?", dann kann man die vermeintlich gefährliche Situation nicht wirklich ernst nehmen. Generell wirken viele der Gespräche gekünstelt und unglaubwürdig, ebenso wie die Tatsache, dass die Personen mitunter viel zu viel zu wissen scheinen oder die benötigten Informationen immer sofort irgendwo parat haben.
Und zu guter Letzt: Ich sprach oben schon die dauernden überraschenden Wendungen an. Diese machen das Buch zwar spannend, aber gerade zum Ende hin wirkt es doch etwas gezwungen, wenn sich andauernd herausstellt, dass jeder irgendwie nicht das ist, was er zu sein vorgibt. So bleibt der Leser zwar im Unklaren, fühlt sich aber vielleicht vom Autor auch ein Stück weit an der Nase herumgeführt.
Dass die Geschichte gerade zum Ende hin immer fantastischer wird, muss einen nicht stören, ich bin in der Regel offen für so etwas, jedoch wurde es dann auch für meinen Geschmack ein bisschen zu viel des Guten auf den letzten Seiten. Das wirkte dann doch etwas an den Haaren herbeigezogen und hat von der ansonsten gut konstruierten Story abgelenkt.

Alles in allem war das Buch schön zu lesen und spannend, gut recherchiert und mit einer recht interessanten und kreativen Story versehen. Doch einige handwerkliche Schnitzer schmälern das Lesevergnügen und verhindern so das komplette Eintauchen (Wortspiel voll beabsichtigt!) in die Geschichte, weshalb ich hier "nur" 3,5 Punkte vergebe, was aber immer noch eine gute Bewertung ist. Für die 4 Punkte haben mich dann aber doch zu viele Kleinigkeiten gestört. Freunde von (Meeres-)Sagen und solche, die spannende Mystery-Thriller lieben, sollten auf jeden Fall mal einen Blick riskieren, ihnen werden die oben erwähnten Ausrutscher vermutlich nicht zu viel ausmachen.



Titel: Aquarius
Autor: Thomas Finn
Verlag: Piper (2014)
Format: Klappenbroschur, 416 Seiten
ISBN: 978-3-492-70337-6
Preis: €16,99
Link zum Verlag: http://www.piper.de/buecher/aquarius-isbn-978-3-492-70337-6

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