Freitag, 14. November 2014

[Follow Friday] Bei Amazon bestellen, ja oder nein?

Heute gibt es beim Follow Friday (wie immer präsentiert von A Bookshelf Full Of Sunshine) eine interessante Frage, die mich sowieso immer wieder beschäftigt und zu welcher ich auch schon länger etwas schreiben wollte, die Gelegenheit kommt mir also gerade recht!

http://abookshelffullofsunshine.blogspot.de/2014/11/ff-deutscher-follow-friday-14november.html

Die Frage für heute lautet also: Bestellen bei Amazon, ja oder nein?

Ich kann das für mich mit einem klaren Nein beantworten, zumindest was Bücher angeht, solange es keine andere (sinnvolle) Möglichkeit gibt. Warum dieses kategorische Nein? Nun, dafür muss ich etwas weiter ausholen, und ich möchte das Thema von verschiedenen Seiten betrachten.

Zunächst einmal kann man sich der Sache von einem moralischen Standpunkt aus nähern. Sicher haben die meisten den Streit von Amazon mit den Verlagsgruppen Bonnier und Hachette zu den Einkaufsrabatten bei E-Books mitbekommen (Link). Worum geht es in dem Streit? Ganz einfach, Amazon versucht, bei den Verlagen billiger an E-Books zu kommen und damit mehr Gewinn beim Verkauf zu machen. Dazu nutzt Amazon gezielt seine Vormachtstellung auf dem Buchmarkt aus und erpresst die Verlage richtiggehend damit, dass ihre Bücher nur noch verzögert zu den Kunden geliefert werden, wenn sie nicht auf die Forderungen eingehen. Das Problem an der Sache ist, dass für Verlage heute kein Weg an Amazon vorbei führt. Ein Buch, das nicht bei Amazon gelistet ist, hat heute kaum noch Chancen auf gute Absatzzahlen und auf einen Bestsellerplatz schon mal gar nicht. Darum kassiert Amazon ohnehin schon höhere Rabatte beim Einkauf (bis zu 50%), als es bei "normalen" Buchhändlern der Fall ist (30% bis 40%), denn ein Verlag kann es sich einfach nicht leisten, Amazon zum Feind zu haben.

Aus unternehmerischer Sicht ist Amazons Gebaren verständlich. Es ist eine global operierende Firma, die zuallererst an Gewinnmaximierung interessiert ist. Aus ethisch-moralischer Sicht steht es jedoch ganz anders. Amazon möchte seine Monopolstellung ausbauen. Am liebsten wäre es ihnen natürlich, wenn Bücher fortan nur noch bei ihnen verlegt würden (ja, Amazon hat ein eigenes Kindle Publishing Program und vertreibt auch gedruckte Bücher durch Tochterunternehmen), und am besten sowieso nur noch als E-Book, denn dort sind die Gewinnmargen höher als beim Printmedium. Und hier geht Amazon nicht zimperlich zu Werke und zieht alle Register der freien Marktwirtschaft: So lockt Amazon gezielt Autoren durch unglaublich gute Konditionen an und vertreibt ihre Bücher dann nur im Selbstverlag, sprich die Bücher sind nur bei Amazon zu finden, nicht in der Buchhandlung. Und da bildet sich natürlich ein gefährliches Monopol heraus, was auch eine ganze Reihe von (namhaften) Autoren dazu veranlasst hat, Stellung gegen Amazon zu beziehen (Link).
Die Buchhandlungen haben ohnehin schon lange unter Amazon zu leiden, was sich nicht nur daran zeigt, dass immer mehr kleine, lokale Handlungen schließen mussten, sondern dass es inzwischen auch Branchenriesen wie Thalia gar nicht mehr gut geht (Link). Dem Einzelbuchhandel an sich geht es, zumindest was den Umsatz betrifft, gar nicht mal schlecht (Link), was aber auch mit darauf zurückzuführen sein dürfte, dass die Zahl der Buchhandlungen in den letzten Jahren immer mehr abgenommen, was zu einer Umverteilung der Kunden geführt hat. So geht es den "größeren" kleinen Buchhandlungen natürlich relativ gut, trotzdem sorgt der Internethandel dafür, dass viele kleinere Betriebe schließen mussten (Link).

Aber wo kommt nun der einzelne Kunde eigentlich ins Spiel? Warum sollte man nicht bei Amazon kaufen, wenn man doch alles bequem per Internet bestellen und nach Hause geliefert bekommen kann?
Ja, Amazon ist günstig, es ist einfach und bequem, keine Frage. Aber Amazon ist, wie schon erwähnt, eben auch ein global agierendes Wirtschaftsunternehmen, das keine Skrupel hat, Konkurrenz aus dem Geschäft zu drängen. Und wohin das führen könnte, will ich einfach mal kurz (überspitzt) aufzeigen: Wenn alle nur noch bei Amazon kaufen, verschwinden irgendwann die Buchhändler. Verschwinden die Buchhändler, hat Amazon ein Monopol auf den Buchverkauf. Damit steht es ihnen frei, den Verlagen ihre Konditionen zu diktieren. In zweiter Sicht können sie damit sogar Einfluss auf die Autoren nehmen, denn sie bestimmen, was veröffentlicht wird. Amazon bekommt also freie Hand und kann uns im Endeffekt diktieren, was wir wie zu lesen haben. Und das darf nicht passieren. Polemisch formuliert könnte man an das Mittelalter erinnern, als Literatur noch fast ausschließlich durch die Kirche verbreitet wurde. Was damals Luther oder Galilei waren, könnten bald schon Autoren sein, die sich morgen gegen Amazons Politik auflehnen, und weiter gedacht auch solche, die Schriften veröffentlichen, welche Amazons Weltsicht nicht gefallen.

Und das war jetzt ganz abgesehen von den gesellschaftlichen Gründen, warum Amazon keine Vormachtstellung haben sollte: Dass Amazon, anders als der lokale Buchhandel, keine oder nur wenige Steuern in Deutschland bezahlt (durch Outsourcing von Firmensitzen etc. - Link) und dass dort die Arbeitsbedingungen mitunter grauenhaft sind (Link), sollte inzwischen bekannt sein. Buchhändler verdienen hierzulande auch nicht allzu viel (leider!), aber zu Amazon ist das kein Vergleich. Und: Buchhändler machen ihre Arbeit gerne! Natürlich trifft dies auch auf andere größere (und teils kleinere) Konzerne zu, die nur nicht so stark im Medieninteresse stehen, doch das darf nicht daran hindern, die Fehler von Amazon aufzuzeigen.

Aber es hat auch ganz greifbare Gründe für jeden Einzelnen, warum wir den Weg zum örtlichen Buchhändler nicht scheuen sollten: 
  • Im Gegensatz zu Amazon habt ihr dort die Möglichkeit, die Bücher in die Hand zu nehmen, in ihnen zu blättern, mit anderen Kunden und den Verkäufern darüber zu sprechen und euch beraten zu lassen. Denn der Buchhändler will euch nicht nur irgendein Buch verkaufen, wie Amazon das macht (die übrigens auch gerne mal eure Empfehlungslisten manipulieren: Link), sondern das, nachdem ihr sucht.
  • Bei eurem örtlichen Buchhändler gibt es Lesungen und Signierstunden eurer Lieblingsautoren. "Bei Amazon" (wo auch immer das sein mag) habe ich das noch nicht gesehen.
  • Buchhändler verraten euch auch gerne mal Geheimtipps, die ihr bei Amazon durch die Verkaufsränge und die Gewichtung nach Beliebtheit niemals finden würdet.
  • In der Buchhandlung bekommt ihr ein Buch nicht schon "am nächsten Tag", sondern gleich noch heute. Und ist es mal nicht auf Lager, dann hat euer Buchladen es auch schon am nächsten Tag. Dass Amazon schneller ist, ist ein reiner Mythos. Es ist nur bequemer.
  • Von der ökologischen Belastung durch das dauernde Paketezustellen ganz zu schweigen.
Nicht falsch verstehen: Firmen wie Amazon müssen nicht aus Prinzip boykottiert werden. Auf ihre Weise leisten sie auch einen wichtigen Beitrag zu unserem Markt und unserer (Kauf-)Kultur. Ich selbst bestelle dort auch immer mal wieder etwas, wenn es das nicht auch woanders gibt oder ich es wirklich schnell brauche. Doch wir als Käufer haben es in der Hand, durch jeden einzelnen Einkauf ein Zeichen zu setzen, und wir haben auch eine Verantwortung als Kunde. Denn wenn wir immer nur noch online kaufen, müssen wir uns nicht wundern, wenn es in der Fußgängerzone bald nur noch Starbucks und McDonalds gibt, aber keine Buchhandlungen mehr, keine Tante-Emma-Läden und generell keine sympathischen, gemütlichen kleinen Geschäfte, in denen man auch als Mensch noch gerne gesehen ist, und nicht nur als Brieftasche.

Also Leute, lasst euch das alles mal bitte durch den Kopf gehen. Den Einzelhandel zu unterstützen ist in jedem Fall sinnvoll. Aber gerade bei Büchern, die es ja bei Amazon noch nicht mal günstiger gibt (der Buchpreisbindung sei Dank!), kann ich es nicht nachvollziehen, den Weg zum lokalen Händler zu scheuen (natürlich nur, wenn man die Möglichkeit dazu hat). Denn Buchliebhaber und Amazon? Das passt für mich nicht zusammen. Wer Bücher liebt, für den gibt es doch ohnehin nichts Schöneres, als regelmäßig im Buchladen vorbeizuschauen, durch die Regale zu streifen und zu wissen "Hier bin ich willkommen, hier liebt jeder Bücher genauso wie ich!".

Und eine kleine Anekdote am Rande: Mein Stammbuchladen macht sogar gerne Werbung für genau den Blog hier, auf dem ihr gerade lest. Und das völlig unentgeltlich. Überlegt euch mal, was ich bei Amazon für ein Banner bezahlen müsste ...

Kommentare:

  1. Hallo, ein echt interessanten Beitrag hast du da geschrieben! Und ich muss sagen, dass viele Argumente echt einleuchtend sind, besonders wenn man den ganzen großen Zusammenhang sieht.

    Trotzdem fallen mir bei der Diskussion um Amazon immer ein paar Sachen negativ ins Auge, die mir auch hier aufgefallen sind. Es sind Argumente der Amazon-Gegner, die mir sauer aufstoßen, nicht weil sie grundsätzlich falsch sind, sondern weil sie bestimmte Zusammenhänge nicht erkennen bzw. einfach unter den Tisch fallen lassen. Und das schafft eine Einseitigkeit, die meiner Meinung nach mit journalistischer Objektivität rein gar nichts zu tun hat. Und die auch denen nicht gefallen, die noch zwiegespalten sind.

    Zum einen mal die Arbeitsbedinungen: Klar ist es richtig, dass Amazon-Mitarbeiter nicht viel verdienen. ABER: Für all diejenigen, die weitaus weniger verdienen, ist dieses Argument ein Schlag ins Gesicht. Ich kenne viele, die weniger als den im Artikel angegebenen Mindestlohn für Leiharbeiter bekommen, die aber bei einem Unternehmen arbeiten, das nicht so bekannt ist wie Amazon. Da entsteht sehr oft der Eindruck, als nutze Verdi die Bekanntheit von Amazon aus, um nicht nur besser Löhne durchzudrücken, sondern auch sich selbst in ein besseres Licht zu setzen: Schließlich sagen sie dem mächtigen Amazon den Kampf an. Andere bleiben dabei auf der Strecke.

    Dann das Argument des örtlichen Buchhandels: Noch setzt der stationäre Buchhandel am meisten um. Nicht soviel, wie man ihm gerne wünschen würde, aber doch mehr als der Onlinehandel insgesamt (also nicht nur Amazon): http://www.boersenverein.de/de/182716. Wie lange das noch so bleibt, ist natürlich fraglich, aber so schlimm wie es manche Medien darstellen ist es noch nicht gekommen.

    Und nun zu etwas persönlichem: Hör mir bitte auf mit Thalia! Seit Thalia Bouvier in Bonn übernommen hat und dann gnadenlos rausdrängte, als Bouvier jahrelang schwarze Zahlen schrieben, nur um Monate später selbst eine Filiale in der Innenstadt zu eröffnen, sind die bei mir unten durch! Meiner Meinung nach ist an der Schließung kleiner Buchhandlungen nicht nur Amazon schuld, sondern auch größere Handelsketten. Denn komischerweise in kleinen Orten, wo es nur eine kleine Buchhandlung gibt, überleben diese besser als in einer Großstadt. Die Buchhandlung bei uns im Ort ist sogar in ein größeres Gebäude umgezogen und das passierte auch in den kleinen Nachbarstädten drumherum.

    Versteh mich nicht falsch, ich will Amazon nicht entschuldigen oder in Schutz nehmen. Das was sie Hachette, Carlsen und Bonnier gemacht haben, ist unter aller Sau. Und auch die angestrebte Monopolstellung will ich ihnen nicht zugestehen. Gerade deshalb werde ich mir wohl nie einen Kindle zulegen. Doch ich sehe immer eine Gefahr darin, sich in Ablehnung auf ein bestimmtes Unternehmen zu versteifen, da man dann schnell den Blick auf andere schwarze Schafe innerhalb der Branche verliert. Und es gibt unbekanntere, weniger einflussreichere oder weniger für die Presse attraktivere Unternehmen, die genauso Dreck am Stecken haben. Nur deckt das niemand auf, weil es sich nicht lohnt.

    Mich hat das Ganze gelehrt, beim Buchkauf noch mehr die Augen aufzumachen und zu erkennen, was ich wirklich erwarte, wenn ich mir etwas kaufe. Das lässt sich bei der Buchhandlung um die Ecke natürlich besser überprüfen als online. Aber ich werde trotzdem hin und wieder gute Autoren unterstützen, die das Pech haben, bisher nur bei Amazon veröffentlichen zu können.

    So, das war's von mir zu diesem Thema und bitte nicht sauer sein, wenn ich nicht in allem deiner Meinung bin. Ich finde es sogar bewundernswert, dass du das so strikt durchziehst!

    Liebe Grüße
    RedSydney

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    1. Hallo RedSydney,
      vielen Dank erst mal für deinen ausführlichen Beitrag! Ich muss gleich mal sagen, dass ich dir das natürlich nicht krumm nehme - selbst wenn wir anderer Meinung wären, was wir aber, so glaube ich, gar nicht mal sind ;)
      So "strikt" ziehe ich das übrigens auch nicht durch, ich bestelle schon manchmal bei Amazon, weil sie einfach auch viel anbieten und man manchmal einfach nicht die Zeit hat, durch alle Läden zu tingeln. Aber ich versuche wenn möglich immer, dem Einzelhandel den Vorzug zu geben. Das wollte ich auch in dem Absatz nach der Aufzählung ausdrücken. Vielleicht hast du den noch nicht gelesen, weil ich ihn erst später eingefügt habe, als mir auch auffiel, dass es insgesamt doch etwas harscher als gedacht geschrieben war.

      Und klar, es gibt auch Leute, die froh wären, bei Amazon arbeiten zu dürfen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass auch dort schlechte Zustände herrschen. Man darf nicht kleinere Übel mit größeren rechtfertigen, finde ich. Aber ja, du hast Recht, Amazon steht da sicher nicht alleine da.

      Zu den Buchhandlungen muss man sagen, dass die Statistik etwas irreführend ist. Ja, der Einzelhandel hat Umsatzplus gemacht. Aber man muss dabei bedenken, dass viele kleine Buchhandlungen inzwischen schon geschlossen haben. Den "großen kleinen" Handlungen geht es immer noch gut, aber auch mit deshalb, weil die ganz kleinen wegfallen und deshalb eine Umschichtung der Kunden stattfindet.

      Zu Thalia: Gebe ich dir vollkommen Recht, da kaufe ich auch nicht ein ;) Ich habe sie bloß angeführt, weil es verdeutlicht, dass selbst die ganz Großen inzwischen Probleme haben.

      Alles in allem also danke für deine Sichtweise - ich habe in meinem Beitrag in der Tat etwas scharf Stellung bezogen, aber das Thema war auch dediziert Amazon und der Beitrag war eh schon viel zu lang, da wollte ich nicht noch zum Rundumschlag ausholen ;)
      Nichtsdestoweniger helfen deine Punkte, das Ganze auch von anderen Seiten zu beleuchten, also danke dafür!

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    2. Um das mit den kleinen Buchhandlungen noch zu untermauern, da ich das eben so unbelegt aufgesagt habe, will ich noch schnell diesen Link hier hinterher schicken, der die Mitgliederzahlen des Börsenvereins aufzeigt. Seit dem Jahr 2000 ist die Anzahl der Buchhandlungen von fast 5000 auf knapp 3500 gefallen:
      http://www.boersenverein.de/sixcms/media.php/976/Tabelle_Mitgliederstand_bis_2012.pdf

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  2. Ich habe nun auch das Feedback von RedSydney in den Originalbeitrag aufgenommen, also nicht wundern, wenn da nun etwas geringfügig Anderes steht :)

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  3. Sehr gut geschrieben...besser hätte ich es nicht sagen können - habe es aber trotzdem versucht ;)

    LG Felan

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