Dienstag, 21. Oktober 2014

[Rezension] Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra (Robin Sloan)

Ein Buch über Bücher, das hört sich für mich immer gut an, denn ich liebe Bücher nicht nur aufgrund ihres Inhalts, sondern finde sie auch als Objekte sehr interessant, besonders auch was ihre jeweilige Geschichte angeht. Insofern war ich natürlich sehr gespannt, "Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra" (Originaltitel: Mr. Penumbra's 24-Hour Bookstore) von Robin Sloan in die Finger zu bekommen, denn der Inhaltstext machte schon Lust auf mehr:

http://www.randomhouse.de/Buch/Die-sonderbare-Buchhandlung-des-Mr-Penumbra/Robin-Sloan/e399038.rhd

Als Clay Jannon seinen Job als Webdesigner verliert, meldet er sich auf eine Stellenanzeige hin bei Mr. Penumbra, der in San Francisco eine alte, verstaubte Buchhandlung betreibt, die rund um die Uhr geöffnet ist. Clay übernimmt die Nachtschicht, und bald ist ihm klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt: Die Kunden kaufen nichts, sondern leihen die Bücher nur aus, drei Stockwerke hohe Regale beherbergen riesige Folianten, die keine Texte beinhalten, sondern nur ellenlange Reihen aus Buchstaben. Nach und nach findet Clay heraus, dass Mr. Penumbra und seine Kunden einem uralten Geheimnis auf der Spur sind. Mit der Unterstützung seiner Freundin Kat und seines ältesten Kumpels Neel, sowie der Weisheit von Mr. Penumbra, macht sich Clay daran, dieses Geheimnis zu lüften. Ein Geheimnis, das bis in die Anfangszeiten des Buchdrucks zurückreicht.

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra ist ein spannendes literarisches Rätsel und ein inspirierendes und philosophisches Buch voller einzigartiger Charaktere und visionärer Ideen.
Eine Geschichte um eine merkwürdige Buchhandlung also, um ein Rätsel, das sich um alte Bücher dreht und weit in die Vergangenheit des Mediums Buch zurückreicht? Das lässt das bibliophile Herz höher schlagen. Doch leider, und so viel sei bereits verraten, wurde ich in dieser Beziehung einigermaßen enttäuscht. 

Aber ich fange erst mal vorne an. Die Handlung dreht sich, wie schon dem Klappentext zu entnehmen ist, um den arbeitslosen Webdesigner Clay, ein Kind des neuen Millennium, das sich bestens mit allen technischen Dingen auskennt, mit Büchern aber eigentlich nicht viel am Hut hat. Eher aus Verzweiflung nimmt Clay den Job als Aushilfe in Mr. Penumbras Buchhandlung an, die rund um die Uhr geöffnet hat - und das ist nicht das einzige Merkwürdige an ihr. Abgesehen von ihrem verschrobenen Besitzer fällt vor allem auf, dass der Laden eigentlich nicht wirklich Bücher verkauft, zumindest keine aktuellen - das Sortiment ist alle andere als gepflegt und nur selten verirren sich richtige Kunden in die Buchhandlung. Dennoch hat sie einige Stammkunden. Diese interessieren sich jedoch nicht für das veraltete Programm, sondern für eine Reihe von besonderen Bänden, die jedoch nur ausgeliehen werden dürfen und - so erfährt Clay später - nicht mal richtige Bücher sind. Um diese sonderbaren Folianten und das Rätsel das sie und die Menschen, die sie immer wieder ausleihen, umgibt, entfaltet sich im weiteren Verlauf des Buches die Handlung. 

Doch hier liegt auch die Schwäche des Romans: Der Anfang der in der Ich-Perspektive Clays geschriebenen Geschichte ist wirklich schön zu lesen, man wird in die Welt der sonderbaren Buchhandlung Penumbras entführt und erlebt mit Clay einige verrückte Geschichten bei seiner Bestrebung, den Laden und seine Gäste kennen und verstehen zu lernen. Doch sobald sich die Story weiter entfaltet, geht dieser anfängliche Zauber leider verloren. Es prallen hier zwei Welten aufeinander, zum einen der moderne Clay mit seinem Internet, Kindle und Computern, zum anderen ein uraltes Rätsel um handgeschriebene Bücher, und Sloan versucht offensichtlich eine Brücke zwischen diesen beiden Welten zu schlagen. Das gelingt meiner Meinung nach aber nicht wirklich, denn wenn Clay mithilfe des Internets, der Hackerszene und vor allem auch Google zum Angriff auf das Rätsel bläst, gerät die Geschichte immer mehr zu einem Lobgesang auf Letzteres. 

Die Begeisterung Sloans für die Firma Google ist deutlich zu spüren und der letzte Teil des Buches dreht sich eigentlich nur noch darum, wie Googles gewaltige (und übertrieben philanthrop dargestellte) Maschinerie dazu genutzt wird, das Rätsel um Penumbras Bücher zu lösen, was irgendwann dann doch etwas merkwürdig anmutet, wenn die Protagonisten später in der Google-Zentrale landen, wo jeder Mitarbeiter ein speziell auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmtes Mittagessen serviert bekommt. Interessant zu lesen (ob es da wirklich so abläuft, sei einmal dahingestellt, ich weiß es jedenfalls nicht), doch leider hilft das alles nicht, den Leser wirklich zu fesseln, denn eigentlich soll es doch um Bücher gehen, oder nicht?
Und um die geht es leider nach dem vielversprechenden Anfang fast gar nicht mehr, zumindest nicht um normale Bücher, sondern lediglich um Penumbras merkwürdige Folianten. Wer sich eine Ode an das Buch als solches erhofft hat, mit Anspielungen auf die Welt der Literatur und Zitate aus den großen Werken, der wird hier enttäuscht werden. Und so ging es mir auch. Ich weiß nicht, ob ich nur falsche Vorstellungen hatte, aber der Roman scheint doch auf den ersten Blick schon die Bücherliebhaber anzusprechen, und die werden wohl nicht so viel Freude damit haben.
Dennoch, "Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra" ist, objektiv betrachtet, ein ganz nettes und kurzweiliges Buch geworden, das durchaus unterhalten kann, wenn man von der Lobhudelei auf Google absieht und davon, dass es hier nicht wirklich um Literatur geht, sondern um ganz bestimmte Rätselbücher.

Die Idee hinter dem Roman war jedenfalls eine gute, und ich hätte mir sehr gewünscht, dass der Autor noch viel mehr daraus gemacht hätte, besonders bezüglich des Aufeinandertreffens von Geschichte und Moderne, das sich zwischen den Büchern und der digitalen Welt manifestiert. Daraus ist leider nichts geworden, zurück bleibt aber dennoch eine hübsche kleine Geschichte, die auch recht liebenswert geschrieben ist. Ich würde sie aber eher Google-Fans als Büchernarren empfehlen. Daher gebe ich an dieser Stelle 3,5 Sterne für ein Buch, das gut unterhält, aber im Vorfeld zu viel und vor allem das Falsche verspricht.






Titel: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra (Originaltitel: Mr. Penumbra's 24-Hour Bookstore)
Autor: Robin Sloan
Verlag: Karl Blessing Verlag (2014)
Format: Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-89667-480-7
Preis: € 19,99
Link zum Verlag: http://www.randomhouse.de/Buch/Die-sonderbare-Buchhandlung-des-Mr-Penumbra/Robin-Sloan/e399038.rhd

Kommentare:

  1. Hallo :)

    ich habe das Buch auch diesen Sommer gelesen und hatte ähnliche Bedenken bezüglich der nicht immer ganz standhaften Brücken zwischen Büchern und neuen Medien. Allerdings finde ich, dass die Lobeshymne auf Google und seine Rechenleistungen doch ins Stocken gerät, als sie das eine letzte Rätsel eben nicht lösen können. Ich finde dadurch setzt der Autor dem ganzen doch Grenzen, obwohl man nicht leugnen kann, dass der Autor wohl ein ziemlich "Google-Fanboy" sein dürfte.

    Dass ein Bücherliebhaber sich von dem wirklich sehr hübschen Cover angesprochen fühlt und dann inhaltlich eher enttäuscht wird kann ich auch unterstreichen. Allerdings finde ich es doch ein gewisses Wagnis technische "Errungenschaften" wie eReader und klassische ältere Bücher in einer Geschichte zu kombinieren. Das ist mir in dieser Kombination bisher noch nicht untergekommen und ich machte die Erzählung für mich auch kurzweilig :)

    Ich hatte anfangs eher Probleme mit der Freundin der Hauptfigur. Diese perfekte "Nerdbraut" hat mich doch ein wenig gestört, allerdings habe ich mich dann selbst gemaßregelt...schließlich musste die Literatur schon zahlreiche pseudo-perfekte männliche Schönlinge ertragen, von mir aus soll es auch mal ein weibliches Pendant geben :D

    Liebe Grüße
    Misty

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Misty :)
      Freut mich, dass es wohl auch noch anderen so ging wie mir mit dem Buch. Das mit der "Nerdbraut" kann ich übrigens auch nachvollziehen, das hat mich ebenfalls etwas gestört - wobei Clay ja auch nicht viel anders ist, der programmiert auch mal eben irgendwas aus dem Handgelenk, für das andere Monate brauchen ;)

      Löschen
  2. Hey Patrick,

    zu dem Zufall mit "Fahrenheit 451" kommt sogar noch ein Zufall: vor kurzem erst habe ich auch "Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra" gelesen, nur fand ich es wohl etwas besser als du. (Leider habe ich es noch nicht geschafft, die Rezension dazu zu schreiben.) Dass viel mehr Menschen "Fahrenheit 451" lesen sollten, da stimme ich dir vollkommen zu, von der angesprochenen Reportage hab ich jedoch noch nie gehört, ich bin irgendwie einfach mal so auf das Buch gekommen.

    Liebe Grüße,
    Elli

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bei dem Buch hier ist es ja nicht ganz so unwahrscheinlich, da es noch recht neu ist, aber Fahrenheit ist ja schon über 60 Jahre alt, da ist es doch ein schöner Zufall, wenn man es gleichzeitig rezensiert, zumal Klassiker ja leider eh viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen heute :)

      Ich fand die "Sonderbare Buchhandlung ..." ja auch gar nicht schlecht, hat eben nur leider zu viel versprochen für das, was dann geliefert wurde ;)

      Löschen