Samstag, 11. Oktober 2014

[Rezension] - The Devil In The Marshalsea (Antonia Hodgson)

Heute habe ich das Vergnügen, ein Buch vorzustellen, das mich wirklich überrascht hat. "The Devil In The Marshalsea" (deutscher Titel: Das Teufelsloch) ist das Debüt der englischen Autorin Antonia Hodgson, und ich muss sagen, dass sie da für ihre weitere Karriere wirklich sehr gut vorgelegt hat.

https://www.hodder.co.uk/books/detail.page?isbn=9781444775419

Die Inhaltsangabe des Verlags gibt schon einmal einen ersten Ausblick auf die Story:
London, 1727 - and Tom Hawkins is about to fall from his heaven of card games, brothels and coffee-houses into the hell of a debtors' prison.
The Marshalsea is a savage world of its own, with simple rules: those with family or friends who can lend them a little money may survive in relative comfort. Those with none will starve in squalor and disease. And those who try to escape will suffer a gruesome fate at the hands of the gaol's rutheless governor and his cronies.
The trouble is, Tom Hawkins has never been good at following rules - even simple ones. And the recent grisly murder of a debtor, Captain Roberts, has brought further terror to the gaol. While the Captain's beautiful widow cries for justice, the finger of suspicion points only one way: to the sly, enigmatic figure of Samuel Fleet.
Die Bühne steht also bereit für Thomas Hawkins, einen Lebemann, wie er im Buche steht, obwohl er sich diesen Lebensstil eigentlich gar nicht leisten kann. Das erfährt er auch sogleich auf die harte Tour: Er schuldet seinem Vermieter eine Menge Geld, das er aber nicht auftreiben kann. Im England des 18. Jahrhunderts heißt das: ab ins Gefängnis. Das sogenannte "debtor's prison" ("Schuldnergefängnis") ist eine Institution, in der Menschen mit Schulden ihre Tage absitzen und versuchen, an Geld zu kommen, um sich wieder freizukaufen - meistens werden sie aber nur umso tiefer in den Schuldensumpf gezogen, da auch das Leben im Gefängnis nicht kostenlos ist - und schon gar nicht einfach oder harmlos, ganz im Gegenteil ...

Ein Ort also, den man tunlichst meiden sollte. Das weiß auch Thomas, der sich das nötige Geld in letzter Minute gerade noch zusammenleihen kann. Aber wie es so kommt, wird er gleich zu Beginn des Buches überfallen und ausgeraubt, worauf er schnurstracks im Marshalsea landet - einem der berüchtigsten deptor's prisons. Und dort erwartet ihn buchstäblich die Hölle: Gewalt, Betrug und Intrigen sind hier an der Tagesordnung, und wenn Thomas überleben und das Gefängnis heiler Haut verlassen will, bleibt ihm nur eines übrig: Das Rätsel um einen mysteriösen Mord im Gefängnis lösen, bei dem nicht nur ein Geist, sondern vielleicht sogar der Teufel selbst seine Finger im Spiel hat ...

So viel zu Handlung. Das Buch ist ein recht authentischer Historischer Roman, in den wohl einiges an Recherchearbeit geflossen ist und der zum Teil auf wahren Begebenheiten und Personen beruht - die Autorin gibt im Anhang noch einige Hinweise zu den tatsächlichen historischen Umständen und bietet für Interessierte eine Auswahlbibliographie zum Thema an, was mir gut gefallen hat. (Leider fehlen Informationen zu den Währungseinheiten Englands im 18. Jahrhundert, die für moderne Leser etwas verwirrend sein können und eine große Rolle im Roman spielen, da hier sehr viel Geld den Besitzer wechselt. Für alle Interessierten hier kurz ein Überblick: Das pound sterling ist die größte Währungseinheit, es lässt sich in 20 shillings zu jeweils 12 pence (Mehrzahl von penny) einteilen. Daneben gab es noch verschiedene andere Münzarten wie die crown, die 5 shillings wert war, der farthing (1/4 penny) und der guinea, der in etwa einem pound entsprach.)
Die Sprache und die Beschreibungen im Roman wirken für mich sehr authentisch, hier ist es sicher wieder einmal von Vorteil, die englische Fassung zu lesen, da man hier natürlich sprachlich viel näher am Geschehen des georgianischen Englands ist (wobei auch einige veraltete Begriffe vorkommen, die man evtl. nachschlagen muss, so viel sei verraten).

Die Geschichte selbst hat mir sehr gut gefallen. Am Anfang war ich etwas enttäuscht, wie leicht (und dumm) Thomas sein Geld verliert, das wirkte auf mich etwas gezwungen, um die Story in Gang zu bringen. (Achtung Spoiler, zum Lesen markieren: Am Ende des Romans erfährt man jedoch, dass Thomas nicht ganz zufällig beraubt wurde, was das Ganze auch wieder versöhnlicher macht.) Danach geht es jedoch sehr rasant und spannend weiter, so dass der holprige Anfang schnell vergessen ist. Überhaupt schreibt Hodgson nicht um den heißen Brei herum: Ohne große Umschweife geht es sofort zur Sache, was ich - gerade bei Historischen Romanen, die ja öfter mal bis zu 1000 Seiten haben und sich schnell in Nebenhandlungen verlieren - sehr erfrischend fand. Nahezu die komplette Handlung bis auf Anfang und Schluss findet im Gefängnis statt, und hier schafft Hodgson eine tolle Atmosphäre. Thomas' Angst und Verzweiflung, das Grauen, das hinter den Mauern wartet, aber auch das alltägliche Leben in der Haftanstalt werden anschaulich und lebendig beschrieben. Einen kleinen Nachteil hat das rasante Tempo des Romans: Natürlich gibt es in Marshalsea eine ganze Reihe von Häftlingen, Wärtern etc., die nun alle sehr schnell nacheinander eingeführt werden (müssen). Hier muss man sich gut merken, wer eigentlich wer ist, bei den ganzen Namen in so kurzer Zeit kann man schnell etwas den Faden verlieren.
Zur Mitte der Handlung geht ein wenig der Schwung verloren (Achtung Spoiler, zum Lesen markieren: Da Thomas eigentlich schon abgeschrieben ist, vom Gefängniswärter aber eine zweite Chance erhält, das wirkt ein wenig aufgesetzt und nimmt die Fahrt aus der Geschichte, da das vorher aufgebaute Bedrohungsszenario plötzlich fast weg ist), aber das lässt sich leicht verkraften, denn zum Ende wird es noch einmal spannend, wenn der Mordfall kurz vor der Aufklärung steht und immer noch jeder der Täter sein kann. Ist es der sadistische Gefängnisvorsteher Acton? Oder der scheinbar verrückte Samuel Fleet, der Thomas von Anfang an nicht geheuer ist oder jemand ganz anderes? Die Charaktere sind schön ausgearbeitet und verhalten sich glaubwürdig, besonders Thomas verdient sich immer wieder Respekt durch seine Integrität, die seine Lebensführung eigentlich Lügen straft, sich aber durchaus damit vereinbaren lässt, wie Hodgson im Lauf der Geschichte beweist.

Alles in allem ein wirklich überraschend starkes Debüt, das ich in kürzester Zeit durchgelesen hatte, ich wollte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Sehr schön recherchiert und geschrieben, spannend und kurzweilig, mit einem - so viel sei verraten - überraschenden Ende. Ein historischer Kriminalroman, den ich gerne weiter empfehle, nicht nur Leuten, die auf das Setting stehen, sondern rundum ein gelungenes Buch, bei dem man auch noch etwas über das London des 18. Jahrhunderts lernen kann.
Daher von mir 4,5 von 5 Punkten, der kleine Abzug ist dem leichten Hänger zur Mitte hin geschuldet, aber wie gesagt, eine klare Leseempfehlung!



Titel: The Devil In The Marshalsea (deutscher Titel: Das Teufelsloch)
Autor: Antonia Hodgson
Verlag: Hodder & Stoughton (2014)
Format: Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag, 400 Seiten
ISBN: 978-1-444-77541-9
Preis: £ 17.99
Link zum Verlag: https://www.hodder.co.uk/books/detail.page?isbn=9781444775419

Kommentare:

  1. Hallo Patrick,
    das klingt ja wirklich sehr gut. Nur der Protagonist schreckt mich etwas ab, bin mir nicht sicher, ob das ein Typ für mich ist.
    Ich werde mir das Buch auf jeden Fall merken, danke für die Empfehlung!
    Liebe Grüße,
    Nicole

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  2. Hallo Nicole,
    am Anfang konnte ich Thomas auch nicht wirklich leiden, aber er erweist sich im Laufe der Handlung dann doch als vielschichtiger Charakter, der überraschende Integrität aufweist und auch eine Entwicklung durchmacht, das war auch einer der Punkte, die ich gelungen fand an dem Buch. Also vielleicht riskierst du ja dennoch mal einen Blick :)

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    1. Jetzt machst du mich wirklich neugierig. Wenn es mir unterkommt, dann schlage ich sicherlich zu.

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  3. Hmpf. Schon die zweite sehr angetane Rezension dieses Buches, das mich sowiesdo schon vom Setting her interessiert - da bleibt mir wohl nichts, als es endgültig auf die Leseliste zu setzen. Dabei hab ich doch noch so viel im SuB und arbeite mich immer noch erst langsam aus meiner Leseflaute raus ... *dramatisch seufz* ;-)

    (Und damit schaffe ich es jetzt auch endlich mal, hier einen Gruß zu hinterlassen - auf deinem Blog rumgelesen habe ich schon mehrfach inzwischen ...)

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