Sonntag, 28. September 2014

[Rezension] The First Law-Trilogie (Joe Abercrombie)

Nachdem ich vor einigen Tagen schon eine Rezension zu Joe Abercrombies neuestem Roman "Half a King" geschrieben habe, habe ich die Gelegenheit genutzt, seine "The First Law"-Trilogie nach langer Zeit noch einmal zu lesen. Und ich muss sagen, auch beim erneuten Lesen war ich wieder erstaunt, was für ein grandioser Autor Abercrombie ist. Ich will ihn nicht mit anderen Größen moderner Fantasyliteratur vergleichen, denn weder Scott Lynch noch Patrick Rothfuss, die ich beide sehr schätze, agieren wirklich in der gleichen Sparte wie Abercrombie. Seine Welt ist anders, sie ist düster, kompromisslos und brutal. Wer Lynchs Locke Lamora für seine trickreichen und charmanten Raubzüge und Rothfuss' Kvothe für seine fantastische Reise auf der Suche nach Wissen liebt, wird bei Abercrombies Helden sicher vor den Kopf gestoßen. Denn diese verfolgen im Großen und Ganzen nur ein Ziel: den jeweils nächsten Tag zu erleben. Und dabei gehen sie nicht zimperlich vor.  




Aber von Anfang an. Die Trilogie startet mit "The Blade Itself". In der Retrospektive kann man sagen, dass in diesem Buch, trotz seines Umfangs, noch gar nicht mal viel passiert. Die Charaktere werden vorgestellt und die Bühne bereitet für alles, was später in den beiden anderen Bänden kulminieren wird. Und Abercrombie spart nicht mit Erzählsträngen, die sich teils berühren, teils miteinander verschmelzen und teils auch gar nichts miteinander zu tun haben. Vorerst jedenfalls. Und bei den Charakteren sind wir auch gleich bei Abercrombies großer Stärke. Selten habe ich eine so interessante und vielschichtige Besetzung gesehen wie in dieser Trilogie. Um es gleich vorweg zu nehmen: Alle Charaktere sind sehr tiefgründig und glaubwürdig beschrieben, sie handeln logisch und ihren Zielen und Überzeugungen entsprechend und machen im Laufe der Geschichte mitunter dramatische Entwicklungen durch. Und vielleicht das Beste: Es sind keine Abziehbildchen typischer Fantasy-Klischees, sondern ganz eigene Charaktere mit ausgefeilter Hintergrundgeschichte. Helden gibt es bei Abercrombie ohnehin nicht. Auch keine unbesiegbaren Kämpfer. Nur (größtenteils) normale Typen, die versuchen, am Leben zu bleiben, und dabei auch immer wieder mal eins auf den Deckel bekommen, in Fettnäpfchen treten oder auch einfach mal Mist bauen. Hier will ich nun ganz kurz ein paar von ihnen erwähnen. 
Da hätten wir zunächst Logen, auch bekannt als "Ninefingers" oder "The Bloody Nine" aufgrund seines fehlenden Fingers. Ihn kann man am ehesten noch als Barbaren aus dem Norden beschreiben, doch fällt diese knappe Charakterisierung doch zu kurz. Logen hat schon unzählige Kriege hinter sich und ist des Kämpfens müde geworden. Doch leider hat er das unheimliche Talent, immer wieder neue Probleme anzuziehen. Obwohl er äußerlich wie ein grobschlächtiger, vernarbter Barbar wirkt, geht vieles in ihm vor und trotz seiner Wortkargheit ruht in ihm eine tiefe Weisheit und Lebenserfahrung, die immer mal wieder durch die harte Schale schimmert. Doch trägt er auch ein dunkles Geheimnis mit sich herum, das ihn bis ans Ende seiner Reise verfolgt.
Dann ist da Jezal dan Luthar, ein durch Geburt privilegierter, großspuriger Unionsoffizier, der seine Zeit mit Kartenspielen und Besäufnissen verschwendet. Die einzige Aufgabe, die ihm gestellt ist: Er soll das große alljährliche Fechtturnier gewinnen. Doch dafür müsste Jezal arbeiten, und das ist nun wirklich nicht sein Stil. Lieber vergnügt er sich mit Frauen und Müßiggang. Aber was, wenn er irgendwann einmal aus seiner heilen Welt gerissen wird? 
Wie Jezal war Sand dan Glokta früher auch – ein aufstrebender Stern in der Unionsarmee. Nur dass Gloktas Karriere eine jähe Wendung nahm, als er in Gefangenschaft geriet und unter Folter zu einem Krüppel gemacht wurde, der nun kaum noch laufen oder essen kann. Nur eines kann er noch: anderen Leute das zufügen, was ihm selbst angetan wurde, weswegen er der Inquisition als Foltermeister beigetreten ist. Er versucht nun mit seinen Fähigkeiten, die Union vor Feinden zu bewahren, doch davon gibt es mehr als genug, sowohl von innen als auch von außen. 

Alle Protagonisten aufzuzählen oder gar zu beschreiben, würde die Rezension sprengen, zumal im Laufe der Geschichte auch noch viele weitere Charaktere eingeführt werden. Da ich hier im Vorfeld nichts verraten will, werde ich auch die Story nur in Grundzügen umreißen: Alles beginnt mit Logens Flucht vor einer Horde von primitiven Kreaturen, den Shanka, die aus dem Norden hervorströmen und keinen Stein auf dem anderen lassen. Aber keine Angst, hier wird nicht das übliche "Invasion der Orks"-Szenario zum tausendsten Mal aufgewärmt. Die Shanka sind eine der wenigen "fantastischen" Kreaturen in Abercrombies Welt – Elfen und Zwerge sucht man hier vergeblich und auch die Magie spielt einer sehr kleine Rolle. Erfrischend anders also. Logen trifft jedenfalls auf den angeblichen Erzmagier Bayaz, der offenbar noch große Pläne mit dem Nordmann hegt und auch überhaupt mehr zu wissen scheint, als er preiszugeben bereit ist. Doch dazu müssen sie erst einmal in die Hauptstadt der Union gelangen, welche kurz vor einem Krieg mit den Nordmännern steht. Und auch das südliche Imperium Gurkhuls rasselt mit den Säbeln. Eine politisch höchst brisante Bühne also, die Logen da betritt und die ihn schon bald mit vielen anderen Charakteren zusammenführen und auf eine gewagte Reise schicken wird, die möglicherweise über das Schicksal der Union entscheiden könnte. 

Ich hoffe, ich habe damit nicht zu viel verraten, aber eigentlich passiert dies auch alles noch im ersten Band der Trilogie. Der zweite Band "Before They Are Hanged" führt die vielen verschiedenen Handlungsstränge dann fort (wobei das Tempo hier, in der Mitte der Geschichte, etwas nachlässt, was aber der Fortführung der Story geschuldet ist und im Gesamtblick nicht weiter stört), bis in "Last Argument Of Kings" das fulminante Ende erreicht wird. 
Was erwartet einen also im Laufe der drei Bücher? Nun, neben den schon erwähnten schön ausgearbeiteten Charakteren vermag es Abercrombie, auch seine Welt wunderbar zu beschreiben, was vor allem auch an seiner Sprache liegt. So heben sich die ruppigen Nordmänner schon durch ihre Ausdrucksweise vollkommen von den geschniegelten Emporkömmlingen der Union ab und man weiß immer sofort, an welchem Schauplatz man sich gerade befindet. Thema Schauplatz: Auch hier weiß Abercrombie einen in seinen Bann zu ziehen, denn egal ob der kalte Norden, die zivilisierte Union oder der orientalisch angehauchte heiße Süden – stets fühlt man sich durch die lebendige Beschreibung mitten in die Handlung hinein versetzt und fiebert mit den teils total verrückten Charakteren (Ein monströser, lispelnder Albino als Folterknecht? Ein stets betrunkener Söldnerführer von zweifelhafter Moral, auf dessen Schultern das Schicksal einer ganzen Stadt lasten könnte? Bei Abercrombie kein Problem!) mit. Und bei dieser Beschreibung nimmt Abercrombie kein Blatt vor den Mund. Egal ob bei den vielen Kampfszenen oder wenn man Foltermeister Glokta bei seiner Arbeit über die Schulter schaut – hier wird alles sehr anschaulich festgehalten. Deswegen ist die First Law-Trilogie auch sicher nichts für schwache Gemüter, denn hier geht es hart zur Sache, und das sehr oft. Das soll nun aber nicht heißen, dass Abercrombie einen Splatter-Stil verfolgt oder Gewalt zelebriert. Nein, er beschreibt einfach nur anschaulich, was in seiner Welt passiert, und das ohne Zurückhaltung, was dem Ganzen eine sehr realistische, düstere und teils bedrückende Stimmung verleiht. Auf der anderen Seite ist seine Geschichte aber auch voll von Zynismus und humorvollen Einlagen, die jedoch keinen Slapstick-Charakter haben und dadurch stören würden, sondern die Handlung immer wieder gekonnt auflockern und für ein Lächeln Sorgen. 

Dies alles zusammengenommen ist das Rezept für eine spannende und abwechslungsreiche Reise durch eine toll ausgearbeitete Welt in Begleitung von vielen ausgeflippten und doch glaubwürdigen Charakteren mit einem ganz eigenen Stil, der sich wohltuend von der herkömmlichen Fantasiekost abhebt. Im Laufe der Trilogie erlebt der Leser epische Schlachten auf drei Kontinenten, eine Reise ans Ende der Welt, Intrigen, Geheimnisse und Mysterien. Wer auf Geschichten mit geringerem Fantasie-Anteil ("Low Fantasy") steht und nichts über verzauberte Elfen, sondern lieber über abgebrühte Kerle lesen will, die unfreiwillig von einem Scharmützel ins andere stolpern, der ist bei Abercrombie genau richtig. Für mich ist Abercrombie einer der wenigen ganz großen Fantasyautoren unserer Zeit, die dem Genre ihren eigenen Stempel aufdrücken können. Daher klare Leseempfehlung meinerseits und volle 5 Punkte für die komplette Reihe!   


Übrigens empfehle ich, die Reihe auf Englisch zu lesen, denn Abercrombies Schreibstil ist, wie gesagt, ganz eigen, und in der Übersetzung gehen sicherlich einige Nuancen davon verloren, besonders bei der rauen Sprache der Nordmänner.
Wer die Serie dennoch auf Deutschlesen möchte, findet sie unter dem gleichen Namen (The First Law), jedoch sind die einzelnen Bände anders betitelt – die Namen aller Bücher Abercrombies enden im Deutschen immer auf -klingen, was u.U. zu Verwirrung führen kann. Die Titel der Trilogie lauten:
Band 1: Kriegsklingen
Band 2: Feuerklingen
Band 3: Königsklingen

Alle weiteren Infos zu den jeweiligen englischen Ausgaben gibt es beim Verlag:
https://www.orionbooks.co.uk/Authors/Joe+Abercrombie.page?AuthorName=Joe+Abercrombie
Für die deutsche Ausgabe:
http://www.heyne-magische-bestseller.de/fantasy_abercrombie.html

Und die Trilogie gibt es inzwischen auch als hübsches Box-Set:
https://www.orionbooks.co.uk/books/detail.page?isbn=9780575092969

Kommentare:

  1. Wow, vielen lieben Dank für die ausführliche Reihen-Rezi! Da erinnere ich mich an so einiges wieder, obwohl es bestimmt 4 Jahre her ist, dass ich die Reihe gelesen habe. Nach First Law stand Joe Abercrombie bei mir richtig weit oben, bis ich dann eben mit seinen letzten Büchern leider nicht mehr so viel anfangen konnte -.-

    Zu schade, denn ich merke echt wieder und wieder, dass es gar nicht so einfach ist für mich optimale Fantasy zu schreiben. Da muss einfach alles stimmen! Charaktere, Handlung, Setting und der Umfang. Ich hatte jetzt so einige Auftakte gelesen und das meiste hat mich dann doch eher enttäuscht. Umso erfreulicher war dafür das Erlebnis mit "Locke" ;)

    Bei "Das gefallene Schwert" hatte ich Hoffnung, dass sich der gute Auftakt bestätigen würde und war nun auch eher enttäuscht. Mit 1100 Seiten kann mans auch übertreiben... Dann geht sie weiter die Suche nach tollen Fantasy Reihen. Als nächstes dann mit "Blood Song" ;)

    Liebe Grüße,
    Tina

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  2. Ich finde Abercrombie einfach nur genial. Ich lese aktuell "The Heroes" von ihm und es ist genau der Schreibstil, den ich liebe. Als letztes Buch von ihm fehlt mir dann nur noch "Red Country".

    Liebe Grüße
    Jay

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  3. Ja Tina, ich habe inzwischen auch das Gefühl, dass sich die meisten Autoren immer mehr verrennen, wenn sie so lange Romane schreiben. Hast du mal was von Jack Vance gelesen? "Tales of the Dying Earth" fand ich ziemlich gut. Vance ist noch ein Autor der alten Schule, sozusagen ein "Urgestein" und hat auch viele Fantasy-Autoren beeinflusst (und nicht zuletzt auch die ganze Pen&Paper-Rollenspielszene).

    Jay: Ich hoffe mal, du bist von Red Country nicht enttäuscht, mich hat es ja nicht wirklich überzeugen können ;)

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  4. Also die Reihe werde ich mir definitiv mal merken, klingt echt spannend! Allein die englischen Cover sind eine echte Augenweide :)

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    1. Oh ja, auch da hinkt die deutsche Ausgabe leider hinterher ... da hat der Verlag weder dem Buch noch dem Autor einen Gefallen getan, genau wie mit den Namen. Bei uns sehen die Cover so total generisch nach Fantasy-Schinken aus, während die englische Ausgabe zum einen motivisch viel interessanter aussieht und dann auch noch so eine tolle Glanz-Prägung hat, die im Licht schimmert, sieht echt klasse aus :)

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