Donnerstag, 21. August 2014

"I may be half a man, but I swore a whole oath"

Es wird wieder Zeit für einen neuen Lesetipp (eigentlich sogar mehrere)! Vor kurzem erst ist das neueste Werk des Fantasy-Autors Joe Abercrombie unter dem Titel "Half a King" erschienen. Für alle, die Abercrombie noch nicht kennen, möchte ich darüber hinaus kurz sein Gesamtwerk vorstellen, das meiner Meinung nach mit zu dem Besten zählt, was in den letzten Jahren an Fantasyliteratur erschienen ist.


Bevor ich also zu dem neuesten Titel komme, zunächst ein Blick auf das bisherige Œuvre Abercrombies, denn dieser Blick lohnt sich definitiv ...

Sein Debut gab Abercrombie mit der "The First Law"-Trilogie schon vor einiger Zeit, seitdem sind von ihm überdies drei eigenständige Titel erschienen, die alle im Setting der Trilogie spielen. Entsprechend tauchen dort auch immer wieder alte Bekannte aus früheren Titeln auf. Wer gerne reinlesen möchte, sollte aus diesem Grund auch am besten mit der Trilogie anfangen, da sie die Charaktere und das Setting einführt und die folgenden Titel (nicht immer, aber meistens) dadurch gewinnen, wenn man das Vorwissen aus den ersten Bänden hat. Dennoch lassen sich die Standalone-Titel auch als solche lesen. 
Aber man sollte auch gerade deshalb mit der Trilogie anfangen, weil sie sicherlich immer noch das Beste ist, was Abercrombie bisher geschrieben hat. Er erschafft eine glaubwürdige Fantasiewelt, die – will man einen Vergleich zur realen Welt ziehen – irgendwo zwischen Spätmittelalter und Renaissance angesiedelt ist. Es gibt Magie und Mystisches, Abercrombie setzt diese Elemente jedoch sehr sparsam und bedacht ein, sie sind in seiner Welt so rar, dass die meisten Charaktere nichts davon ahnen, was mir persönlich sehr gut gefällt, denn dadurch bleibt die Geschichte eher bodenständig. Elfen und Orks sucht man bei Abercrombie vergebens, er erschafft seine ganz eigene Welt und bevölkert sie mit einigen wenigen fantastischen Kreaturen und sehr tiefgründigen Charakteren. Und dies ist auch die Große Stärke des Autors. Seine Figuren erwachen schnell zum Leben, jede einzelne trägt ihre (meist dunklen) Geheimnisse und Ambitionen und sie sind in ihrem Streben nach den eigenen Zielen stets glaubhaft gezeichnet. Vor allem aber sind sie originell. Das Standard-Abziehbild des guten Helden sucht man bei Abercrombie vergeblich. Seine Protagonisten sind Foltermeister, schizophrene Berserker und zynische Söldnerfürsten. Und da er so viele interessante Charaktere erschafft, liefert er auch noch eine ganze Menge an Erzählsträngen, die sich durch die komplette Trilogie weben, sich teilweise berühren und manchmal auch erst am Ende zusammenlaufen.
Ein Wort der Warnung sei aber noch angebracht: Abercrombies Welt ist dunkel und nichts für zartbesaitete Leser. An Blut und Gewalt wird nicht gespart – stets bleibt dies aber im Rahmen des Realistischen. Überzogene Gewalt gibt es nicht, aber wenn einer der Hauptcharaktere ein (erfahrener) Foltermeister ist, sollte man sich bei Abercrombie im Klaren sein, dass dies auch explizit beschrieben wird. Trotzdem, oder gerade deshalb, ist seine Welt sehr glaubhaft, und auch sein Schreibstil passt hervorragend dazu. Die deutsche Übersetzung kenne ich nicht und kann daher nicht beurteilen, wie gut dies im Deutschen transportiert wird, aber im Englischen spielt Abercrombie sehr gelungen mit den verschiedenen Sprachebenen, so dass man sich bei den Barbaren in der Wildnis ebenso "zuhause" fühlt wie in den prunkvollen Städten der Union.
Die drei eigenständigen Titel variieren sehr stark in thematischer und qualitativer Hinsicht. "Best Served Cold" ist eine wunderbar zynische Geschichte um – wie könnte es bei dem Titel anders sein – Rache. Wenn eine Reihe von Personen auf möglichst kreativem Wege das Zeitliche segnen soll, dann verspricht das bei Abercrombie eine Reise von Antihelden quer durch menschliche Abgründe zu werden, aber stets mit einer Prise Galgenhumor gewürzt. Unbedingt lesenswert!
"The Heroes" ist die Geschichte einer großen Schlacht im Fahrwasser der Trilogie. Dabei gibt es aber keine Helden, wie der Titel vermuten lassen könnte – die gibt es bei Abercrombie ohnehin nicht. Der Titel bezieht sich auf den Austragungsort eben jener Schlacht. Auch sehr schön geschrieben und spannend, obwohl es, wie gesagt, nur um einen wenige Tage dauernden Konflikt geht. Entsprechend gibt es aber auch weniger Story und Überraschendes, man sollte also nicht zu viel erwarten.
"Red Country" ist eine Westerngeschichte im selben Fantasysetting wie die anderen Bücher, was ebenso komisch ist, wie es sich anhört. Ganz nett zu lesen, aber meiner Meinung nach nicht annähernd so gelungen wie die früheren Werke Abercrombies.

Und damit komme ich nun (endlich!) auch zum eigentlichen Thema dieses Posts: "Half a King" ist der Auftakt einer neuen Trilogie von Joe Abercrombie. Erstmal spielt diese aber in einem anderen Setting und (vermutlich?) auch in einer anderen Welt, auch wenn die Prämissen die gleichen sind. Mittelalterlich angehaucht, diesmal aber eher in Richtung Vikinger und Nordmänner. Übernatürliches wird angedeutet, ob dies aber wirklich existiert oder nur auf Aberglauben beruht, ist (noch) dem Leser überlassen. 
Zu "Half a King" muss man sagen, dass Abercrombie die neue Reihe für "young adults" schreibt bzw. veröffentlicht. Angeblich wollte er sich trotz dessen nicht zurückhalten, aber man merkt doch schon einen Unterschied. Das Buch wirkt auf jeden Fall etwas braver als die früheren Titel, auch fehlt etwas die ursprüngliche Tiefe und Verrücktheit der Charaktere, zudem gibt es nur einen Erzählstrang, ganz untypisch für Abercrombie. Das Buch ist auch etwas kurz geraten, meine Ausgabe zählt nur 370 Seiten mit sehr großer Schrift und vielen Leerseiten (sehr kurze Kapitel, die jeweils auf neuer Seite beginnen, vermutlich auch, um das Buch etwas dicker werden zu lassen ...). Entsprechend ist das Lesevergnügen auch relativ kurz, was aber auch daran liegt, dass das Buch einfach sehr kurzweilig und spannend geschrieben ist. Auch wenn man sich am Ende definitiv sagt, dass der "alte" Abercrombie besser war, so ist es doch ein unterhaltsames Buch und sicher immer noch besser als das meiste andere, was heute als Fantasy auf den Markt geworfen wird. (Das Zitat von Patrick Rothfuss auf dem Umschlag, dass es seiner Meinung nach das bisher beste Buch Abercrombies sei, möchte ich einfach mal erwähnt haben. So sehr ich Rothfuss schätze, hier kann ich ihm nicht zustimmen.)
Eine klare Leseempfehlung meinerseits, auch wenn ich, wie eingangs bereits erwähnt, die "First Law"-Trilogie als Einstieg empfehlen würde. Wer aber lieber mit etwas leichterer Kost anfangen möchte, ist bei "Half a King" sicher auch gut bedient. Wobei "braver" bei Abercrombie nicht bedeutet, dass er auf Gewalt verzichtet – brutal wird es stellenweise immer noch, denn auch die neue Welt ist eine harte und erbarmungslose, was der titelgebende "halbe König" auch schon bald erfahren muss. Abzüge gibt es für die eingleisige Storyline und das durchaus vorhandene Potenzial, das leider nicht ganz ausgeschöpft wurde. Von mir gibt es daher 4 von 5 Punkten.



Titel: Half a King (Deutscher Titel: Königsschwur)
Autor Joe Abercrombie
Verlag: HarperCollins Voyager (2014, Erstauflage)
Format: Hardcover, 373 Seiten
ISBN: 978-0-00-755020-3
Preis: £ 13.99

Kommentare:

  1. Mit Abercrombies erster Trilogie kann ich dir nur vollkommen zustimmen! Da hab ich zwar auch ein paar Kapitel gebraucht, aber wenn man in der Welt angekommen ist, lässt sie einen so schnell nicht mehr los. Vor allem hab ich noch in Erinnerung, dass alle Bände gleich gelungen waren und keiner nachgelassen hatte.

    Dann aber hatte ich mächtig Probleme mit "Heldenklinge" und sein Westernroman subt aus diesem Grund auch noch. Deshalb dachte ich mir, dass mir "Half a King" kürzer und auf Jugendbuch getrimmt vielleicht wieder besser gefallen könnte. Nur scheint bei mir mit dem Autor irgendwie der Wurm drinzusein. Obwohl das Buch ja echt kurz ist, kams mir unendlich lange vor und ich hab mehr und mehr das Interesse an den Figuren und der Handlung verloren. Dann noch so paar vorhersehbare Sachen... *seufz* Ich glaub, ich versuch erstmal wieder mit anderen Autoren mein Glück.

    Aber freut mich, dass es dir zwar nicht so gut gefallen hat wie seine erste Reihe, aber besser als mir ;P

    Liebe Grüße,
    Tina

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    1. Heldenklingen ist The Heroes, wenn ich mich nicht irre? Ja, dieses Buch war recht speziell, da muss man schon was mit Schlachtenepen anfangen können, ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber ich fand es sehr überzeugend in dem, was es sein soll, und auch mal etwas anderes. Würde ich dem "normalen" Leser aber eher nicht empfehlen. Best Served Cold solltest du aber mal anschauen, falls du es noch nicht gelesen hast, das fand ich klasse, geht auch ein wenig in die Richtung von Locke Lamora, nur zynischer und gemeiner ;)
      Red Country war wirklich eher enttäuschend. Der kann ruhig noch etwas auf deinem Stapel bleiben.
      Ich lese gerade noch einmal die First Law-Trilogie und finde sie immer noch total klasse! Werde demnächst auch noch eine Rezension dazu schreiben :)

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    2. Ja genau, das muss "The Heroes" gewesen sein. Ich hab da immer die deutschen Titel im Kopf. "Best Served Cold" ist "Racheklingen" und das hatte ich wohl mal auf dem SuB, aber nach meinen enttäuschenden Erfahrungen mit "The Heroes" vertauscht. Wenn ich mal wieder Lust auf den Autor hab, behalte ich es im Hinterkopf^^ Im Moment will ich dann glaub ich lieber meine anderen High Fantasy Bücher lesen. Kennst du "Der rote Krieger" von Miles Cameron? Davon werd ich jetzt den zweiten Teil beginnen, hab selten sooo ausführliche detailreiche Fantasy gesehen. Erinnert an George R. R. Martin. Aber irgendwie liest es sich dennoch ganz fluffig und nicht so anstrengend, wie manch andere.

      Freu mich schon auf deine Rezi zum First Law!

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    3. "Der Rote Krieger" sagt mir nichts, hab mal eben die Inhaltsangabe gelesen, das klang eher etwas generisch auf den ersten Blick, aber wenn du es empfehlen kannst, werd ich es mir mal genauer anschauen! :)

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