Sonntag, 2. März 2014

Das letzte Lied

Eine Ballade, und zwar meine erste, wenn auch sicher nicht die letzte. Es steckt viel Arbeit darin, doch es hat sich gelohnt, denke ich. Sie ist war lange Zeit in der Entstehung, aber nun habe ich endlich die Muße gefunden, sie fertigzustellen, und ich bin doch sehr zufrieden damit, da sie (so hoffe ich zumindest) alles transportiert, was mir an Stoff und Stimmung wichtig war. Sie steht in der Tradition der Sängerballaden und kann auch in dieser Hinsicht gelesen werden – Anklänge an Uhland und Goethe sind nicht zufällig, allerdings ist natürlich auch eine Lesart für sich allein stehend legitim.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und freue mich natürlich über eure Meinung und gerne auch Interpretationen!


Das letzte Lied

Im Winternebel zur Geisterstund
Ein Reiter von nicht zwanzig Jahr
Sprengt dahin, ihn ereilt die Kund
Sein Liebstes wäre in Gefahr

Er treibt das Roß an gnadenlos
Durch Moor und Sumpf, durch Höh und Tal
Die Angst um seine Liebste groß
Die Ungewißheit eine Qual

Verschneites Dickicht, ein toter Wald
Trennt die Liebste und den Knaben
Die Bäum all schwarz, die Äste kalt
Schaurig tönt der Schrei des Raben

Das tote Holz ergreift den Reiter
Packt das Roß mit Eiseskrallen
Der dunkle Wald läßt ihn nicht weiter
Die Äste zwingen ihn zu fallen

Der Reiter kämpft sich auf die Beine
Das Pferd ist fort, der Wald ganz still
Doch ist der Knabe nicht alleine
Wer kommt, der ihm ans Leben will?

Er schaut sich um, er horcht verstohlen
Doch blickt er nichts, der Wald bleibt still
Ahnt er schon, wer ihn will holen?
Wer‘s ist, der ihm ans Leben will?

Kalter Nebel raubt die Sicht
Den Jüngling packt der eis‘ge Schrecken
Nun verlischt das letzte Licht
Welch Grauen wagte er zu wecken?

Ein fahles Licht bricht durch die Nacht
Entsetzen schnürt des Knaben Kehle
Er weiß nun, wer ihn hergebracht
Zu fürchten steht‘s um Leib und Seele

Die Gestalt, die plötzlich vor ihm steht
Ganz gehüllt in Schwarz und Rot
Erscheint, wem es ans Leben geht
Grimm Schnitter ists, Gevatter Tod

„Hast einen Schritt zu viel getan
Die Liebste wirst du niemals retten
Den Totenfluß sollst du befahrn
Gefesselt und in eisern Ketten

Wirst deiner Liebsten Schicksal teilen
Ich befehle es, so soll es sein
Du wolltest ihr zur Hilfe eilen
Nun seid ihr zwei auf ewig mein!“

Der Jüngling greift zu seinem Schwert
Geschmiedet einst durch Stahl und Feuer
„Für sie ist es zu sterben wert
Mein Leben verkaufe ich dir teuer!

Ich mag mit dir ins Jenseits gehn
Doch meine Liebste läßt du ziehn
Werd standhaft dir im Wege stehn
Kannst meinem Schwerte nicht entfliehn!“

Er spricht es mutig, er schwingt die Schneid
Dem Gegner kühn ins Angesicht
Doch ist der Tod vor Stahl gefeit
Die Klinge in tausend Teil zerbricht

Der Sensenmann greift nach dem Knaben
Unbeeindruckt von des Hiebes Wucht
Er will sich an der Seele laben
Bevor er nach der Liebsten sucht

Den sichren Lohn er vor sich sieht
Doch plötzlich hält der Schnitter ein
Des Jünglings Hals entspringt ein Lied
Die Töne klar, die Stimme rein

Das Schwert läßt er zu Boden gleiten
Anstatt zu kämpfen will er singen
Von hehren Dingen alter Zeiten
Den Tod soll nun ein Lied bezwingen

Er singt von sel'ger, goldner Zeit
Von dem, was Menschenbrust durchbebt
Von Treue und von Heiligkeit
Von dem, was Herz und Seel erhebt

Von Liebe singt er und von Schmerz
Die Stimme siegt, wo’s Schwert versagt
Sein Lied erreicht des Todes Herz
Was keiner je zu hoffen wagt

Jener spricht „Ich neig mein Haupt
Vor dieser edlen, rührend Kunst
Der Liebsten sei zu leben erlaubt
Als Zeichen meiner Gnadengunst

Doch kann ich leerer Hand nicht fahren
So wills des ewig Paktes Schwur
Eine Seele muß ich wahren
Drum nehm ich mit mir deine nur“

Der Knabe hat den Tod besiegt
Gerettet ist die Liebste sein
Und das, was ihm am Herzen liegt
Drum schlägt er in den Handel ein

„Liebste mein ich geb für dich
Das einzig Leben, das ich hab
Will hoffen du bewahrst für mich
Die Liebe bis zum Tod und Grab“

Er gibt das Leben als ein Pfand
Ein ewig währendes Entgelt
Sacht streift ihn die Todeshand
Und führt ihn in die Unterwelt

Als lange sie verschwunden sind
Ein Mädchen einsam streift umher
Im Wald den Liebsten sucht das Kind
Doch findet sie ihn nimmermehr

Leis vernimmt sie etwas klingen
Am Orte dort wo er verschied
Durch die Winternebel dringen
Die letzten Verse eines Lieds

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