Samstag, 5. Oktober 2013

Papier ist geduldig...

... und hat eine lange Geschichte hinter sich. Als ersten Buchtipp möchte ich daher Lothar Müllers Arbeit über die Geschichte des Papiers vorstellen. Auf knapp 350 Seiten zeichnet Müller den Werdegang des Papiers von seiner mutmaßlichen Erfindung im alten China bis zur Gegenwart nach. 



Methodisch bewältigt er diese Aufgabe, indem er in chronologischer Folge immer wieder schlaglichtartig für die Papiergeschichte wichtige Personen und Stationen beleuchtet. Dabei erzählt der Autor jedoch nicht nur die Geschichte des Papiers als Beschreibstoff, sondern informiert auch über die vielzähligen anderen Verwendungsarten dieses Stoffes, sei es als Verpackungsmaterial, die Herstellung von Spielkarten oder auch das Bastelmaterial. 
Das Besondere an Müllers Arbeit ist aber, dass er nicht nur die materiellen Aspekte des Papiers untersucht. Auf einer zweiten Ebene schreibt er nämlich auch über dessen literarische Rezeption im Verlauf der Jahrhunderte, sei dies bei Miguel de Cervantes' "Don Quijote" oder später in Herman Melvilles "The Paradise of Bachelors and the Tartarus of Maids". So bekommt der Leser nicht nur Einblicke in die Herstellungsprozesse und Verwendungsarten des Papiers im Laufe der Geschichte, sondern unternimmt auch eine Reise durch die Gedankenwelt derjenigen, die zu verschiedenen Zeiten Beobachter (und Nutzer) des Aufstiegs dieses Schriftmediums waren. 
Obschon man sagen muss, dass gerade letztere Passagen sich mitunter ein wenig hinziehen können und Müller sich ab und an in der literarischen Rezeptionsgeschichte des Papiers verliert – zumindest für meinen Geschmack –, so gibt er doch viele interessante Einblicke und liefert auch spannende und teils eher unbekannte Fakten über das Papier, sei es zum Thema Buchdruck oder zum Brief- und Postwesen. Darüber hinaus nimmt Müller auch immer wieder die philosophische Seite des Themas in den Blick und stellt Fragen beispielsweise zur Abgrenzung der unlöschbaren Schrift auf dem Papier von der beliebig änderbaren Schrift der neuen digitalen Medien. 
Komplettiert wird das Buch, das mit einem aufwendig gestalteten Einband daher kommt, von immer wieder eingestreuten Illustrationen, einem Anmerkungsapparat (der recht klein ausfällt und nur Textbelege enthält) und einer ausführlichen Bibliographie zum Thema. 
Alles in allem kann ich "Weiße Magie" jedem Freund des Papiers, des Schreibens und des Buches nur empfehlen, liefert es doch nicht nur eine Geschichte des Stoffes Papier, die an sich schon lesenswert genug ist, sondern auch interessante Einblicke in dessen literarische Rezeption und viele Fakten und Anregungen zum Nachdenken über die "Epoche des Papiers", in der wir uns immer noch befinden.

Link:
http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23911-1

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