Montag, 28. Oktober 2013

Multae sunt causae scribendi

Es gibt viele Gründe, zu schreiben – heute vielleicht mehr denn je. Schaut man sich dieser Tage in einer beliebigen Straßenbahn um, wird man vermutlich eine Vielzahl von Leuten vorfinden, die den ganzen Tag über nichts anderes zu tun zu haben scheinen, als über ihr Handy gebeugt Nachricht um Nachricht zu schreiben. Aber auch in den heimischen vier Wänden wird heute immer mehr geschrieben, sei es per E-Mail oder auf Facebook. Nachrichten, Statusupdates, ja selbst Blogeinträge wie dieser hier – eigentlich sind wir den ganzen Tag am Schreiben. Und doch schreiben wir überhaupt nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr richtig, mit Tinte, in der eigenen Handschrift, auf Papier, so wie wir es damals in der Schule gelernt haben und wie es die Menschen schon seit Jahrhunderten tun beziehungsweise taten. Nun kann man über diese Tatsache natürlich lange und ausgiebig diskutieren, man kann sich fragen, ob der Wechsel zu elektronischen Schriftmedien die logische Weiterentwicklung des Schrifttums ist, welche Vorteile digitale Texte gegenüber analogen haben oder wie lange es noch dauern wird, bis das herkömmliche Papier, der Brief, das Buch endgültig verschwunden und durch Einsen und Nullen in tragbaren Datengeräten ersetzt ist.
Man kann sich aber auch fragen, ob es nicht doch auch noch einen Sinn hat, einfach einmal einen Füller zur Hand zu nehmen und ganz herkömmlich einen Text zu Papier zu bringen, in welcher Form oder zu welchem Zweck auch immer. Zu dieser Frage, die mich schon geraume Zeit beschäftigt und über die ich nun schon mit einigen Leuten gesprochen und geschrieben (sowohl digital als auch analog) habe, möchte ich im Folgenden einige Gedanken schildern und damit (hoffentlich) zum Nachdenken anregen, wobei ich mich, um es nicht ausufern zu lassen, in erster Linie auf das Schreiben von Briefen konzentrieren werde, aber generell gelten die Überlegungen sicherlich für viele Formen des analogen Textes. Es sei jedoch noch angemerkt, dass ich mitnichten die Nützlichkeit und Vorteile der neuen digitalen Medien in Frage stellen will, was alleine schon die Tatsache bezeugen dürfte, dass dieser Blog (und dieser Post) überhaupt existiert. Ich möchte nur eine andere Sicht auf die Dinge schildern und vielleicht ein wenig Bewusstsein dafür schaffen, dass es auch weiterhin Alternativen zur digitalen Kommunikation gibt und dass wir vielleicht ab und an mal darüber nachdenken sollten, wie wir mit diesen Medien umgehen.
Ich will mich dem Problem zunächst von der gegenüberliegenden Seite nähern und überlegen, worin für uns der Reiz am digitalen Medium liegt, der uns dazu bringt, nur noch über Messenger, E-Mail oder Online-Plattformen zu kommunizieren. Es ist vermutlich die Instantaneität, die Möglichkeit, sofort und von überall Kontakt zu anderen aufzunehmen, und dies auch nicht nur mit einem Empfänger, sondern gegebenenfalls mit einem Personenkreis oder gar mit der ganzen (vernetzten) Welt gleichzeitig. Ich kann zu jeder beliebigen Zeit, von jedem beliebigen Ort aus mit jedem beliebigen Menschen in Verbindung treten. Und genau diese Beliebigkeit ist auch die große Geißel des digitalen Zeitalters. Denn sie verführt uns dazu, nicht mehr über den Wert des Geschriebenen nachzudenken, nicht mehr zwischen Wichtig und Unwichtig zu unterscheiden. Zum einen ist dies der Tatsache geschuldet, dass wir jederzeit ohne Verzögerung Nachrichten austauschen können, wir rechnen quasi also damit, im Falle einer Unklarheit sofort eine Nachfrage oder Erklärung hinterherschicken zu können – wir lassen den Adressaten unserer Nachricht niemals vollständig allein mit unserem Schreiben. Zum anderen sind digitale Texte niemals finale Texte. Man kann sie beliebig oft editieren, umschreiben, löschen oder erweitern. Die Frage, wann ein Text „druckfertig“ ist, stellt sich überhaupt nicht mehr, genauso wenig wie man im Vorfeld des Schreibens noch wirkliche Gedankenarbeit in ihn hineinstecken muss, denn Fehler lassen sich jederzeit verbessern.
Dies führt zu mehreren bedenklichen Erscheinungen, wenn wir es mit dem Erstellen und Lesen von virtuellen Texten zu tun haben. Zunächst verlieren Nachrichten auf diesem Weg, wie bereits erwähnt, zunehmend an Substanz. Die Möglichkeit, sofort mit jemandem zu kommunizieren, bringt uns dazu, dem Geschriebenen weniger Wert beizumessen, wir verlieren uns schnell in Smalltalk oder wissen einfach nicht mehr, was wir uns überhaupt schreiben sollen. Man gibt sich keine Mühe mehr mit dem Geschriebenen, wie es mit allem ist, das beliebig verfügbar ist. Man sagt sich kurz Hallo, tauscht schnell ein paar Informationen aus und widmet sich dann wieder anderen Dingen. Und das geschieht ohne größeren Aufwand, ohne dass man sich Zeit oder Motivation nehmen müsste dafür. Oft ähnelt dies eher der peinlichen Situation, jemanden an der Bushaltestelle zu treffen und nicht zu wissen, worüber man reden soll, als einem richtigen Gespräch. Zudem sind die Informationen, die wir auf diesem Wege austauschen, meist jeglicher Persönlichkeit beraubt, es sind belanglose Bits und Bytes, die vielleicht schnell mal zwischen Tür und Angel abgeschickt wurden, ohne dass man sich groß Gedanken darüber gemacht hat. Selbst ein Geburtstagsgruß vermag so beispielsweise zwar zu zeigen, dass man an jemanden gedacht hat. Eine wirkliche Zuneigung oder Wertschätzung drückt er aber wenn überhaupt auf digitalem Wege nur sehr schwerlich aus, kostet es doch nur ein paar Sekunden Zeit und keinerlei größere Anstrengung, ihn zu verfassen. Die Welt wird durch das Internet zwar immer kleiner, doch wird sie damit leider auch immer unpersönlicher.
Eine Freundin hat mich überdies (dankenswerter Weise in einem richtigen Brief) auf einen weiteren Punkt hingewiesen, den ich zunächst gar nicht bedacht hatte und hier teils mit ihren Worten wiedergeben will: die Aufdringlichkeit, die mit der ständigen Verfügbarkeit von Kommunikationsmitteln einhergeht. Durch die beidseitige, spontane Kommunikation werden einem Themen aufgedrängt, über die man vielleicht gar nicht sprechen, Fragen gestellt, die man vielleicht gar nicht (spontan) beantworten will. Aus einem wohldurchdachten Monolog wird so schnell ein Dialog, wo man ihn sich gar nicht wünscht, und oft bleibt da nur eine Ausrede oder gar die Flucht in die Offline-Welt. Und selbst das bereitet Probleme, denn inzwischen wird man ja sogar darüber informiert, wann das Gegenüber eine Nachricht gelesen hat. Unweigerlich führt das dazu, dass man sich fragt, warum der andere nicht antwortet, und auf der anderen Seite wird man so nur noch mehr unter Druck gesetzt, möglichst schnell zurückzuschreiben, was natürlich wieder dazu führt, dass man sich nicht immer die gebotene Zeit dazu nimmt.
Ein Brief, auf der anderen Seite, hat all diese Probleme nicht. Für einen Brief kann und muss man sich Zeit nehmen. Der Takt einer postalischen Unterhaltung misst sich nicht in Sekunden oder Minuten, sondern in Tagen, wenn nicht gar Wochen. Schreibt man einen Brief, so muss man sich gut überlegen, was man eigentlich sagen will, was für einen selbst und für den Adressaten wichtig ist und was unwichtig. Man wählt automatisch jedes Wort mit Bedacht und selbst, wenn man den Text noch nicht Vorformuliert hat, weiß man doch schon im Groben, was am Ende auf dem Papier stehen wird. Man schreibt nicht irgendwelche zusammenhanglosen Gedanken auf, man verliert sich nicht in Belanglosigkeiten, denn ist der Brief erst abgeschickt, steht er allein für sich selbst – in den meisten Fällen hat man dann nicht einmal mehr selbst Erinnerung an das Geschriebene, man muss darauf bauen, dass es seinen eigenen Kontext schafft, dass es all das vermitteln wird, was einem wichtig ist. Und das geschieht hier wirklich in einem Monolog, denn die Abwesenheit des Adressaten ist die unabdingbare Voraussetzung für einen Brief. Wer einen Brief schreibt, der ist mit sich allein und kann auch nicht vom Empfänger unterbrochen werden. Das Briefpapier wird damit zum Ort der Versprachlichung von Intimität und Selbstreflexion – etwas, das ein Internetchat niemals erreichen kann.
Über diesen gedanklichen Wert des Geschriebenen hinaus hat der Brief auch einen weiteren, physischen Vorteil dem digitalen Text gegenüber. Einen Brief von eigener Hand zu schreiben, mit einem Füller und auf gutem Papier, ihn zu falten, zu kuvertieren, vielleicht sogar zu siegeln – das ist ein Ritual für sich, in dem man Ruhe finden, aber auch dem Empfänger näherkommen kann. Denn die Handschrift, die eigenen Züge, mit denen man seine Gedanken zu Papier bringt, werden zu einem Stellvertreter der eigenen Person. Der Brief liefert etwas Greifbares, etwas, das der Empfänger berühren, vielleicht sogar riechen kann, etwas, das weit über die Menge von Tinte und Papier hinausgeht, in das auch Herz und Sinn des Verfassers miteinfließen. Ein Brief ist einfach persönlich. Und so ist es nicht nur ein Erlebnis, einen Brief zu verfassen, sondern auch, ihn zu Empfangen. Man kann auf ihn warten, jedoch nicht mit der verrücktmachenden Ungeduld, mit der man alle paar Minuten auf das Handy schaut, ob eine neue SMS eingetroffen ist oder es etwas Neues in Facebook gibt. Sondern mit einer gelassenen Vorfreude, die einen einmal am Tag den Briefkasten kontrollieren lässt mit dem Gedanken, dass die Antwort, wenn sie denn nicht heute gekommen ist, doch sicherlich morgen da sein wird. Umso schöner sind die Briefe, die ganz unverhofft ankommen, oder mit denen man gar nicht mehr gerechnet hat. Denn über einen Brief kann man sich freuen, man weiß, dass jemand an einen Gedacht und sich ehrliche Mühe gemacht hat, Kontakt aufzunehmen. Etwas, das über das Internet keineswegs Voraussetzung zur Kommunikation ist. Und genau deswegen ist das analoge Schreiben eine Tradition, die zwar immer mehr in Vergessenheit gerät, aber aus eben diesem Grund dafür umso mehr kultiviert werden sollte. Denn Papier ist geduldig, und etwas Geduld ist genau das, was wir in der immer hektischer werdenden Welt der digitalen Kommunikation gut gebrauchen können.
Also, denkt mal darüber nach, wann ihr das letzte Mal einen richtigen Brief geschrieben oder bekommen habt,  und ob es nicht vielleicht an der Zeit ist, diese schöne Tradition wieder aufleben zu lassen!

PS: Ein weiterer Vorteil des Briefes: Er kann von der NSA nicht abgehört werden ;-)

1 Kommentar:

  1. Ein wirklich schöner Post! Endlich habe ich es geschafft ihn zu lesen und kann nur sagen - meine Meinung kennst du ja ;)
    Du nennst wirklich viele, wichtige Aspekte und beleuchtest sie mit Bedacht, was mir wirklich gut gefällt.
    Im Großen und Ganzen kann ich dir nur zustimmen - man investiert sich einfach anders in einen Brief, als in die digitale Komunikation.
    Auch die ständige Erreichbarkeit ist z.B. ein Grund, warum ich kein mobiles Internet habe.
    Briefe sind eigentlich immer vorzuziehen, aber die Zeit und die Eile und die Ungeduld lassen es meist nur schwerlich zu.

    Einen schönen Abend noch
    Liebe Grüße
    Josi:)

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